Saanen 1961, Rede 4 – Fragen, Teil 2

Frage: Im Entdecken liegt Freude und Genuss; bedeutet aber Entdecken nicht Lernen?

Krishnamurti: Entdecken wir je unsern Schmerz und leben damit in Freude und Entzücken? Man kann die Schönheiten der Erde entdecken und darin schwelgen, oder die Dummheiten der Politiker entdecken und sie ablehnen; doch die volle Bedeutung des Leidens zu entdecken, ist etwas ganz anderes, nicht wahr? Dazu muss ich mein eigenes Leid und das Leid der Welt enthüllen. Das Buch des Leidens zu studieren, alles darüber zu lernen, bedeutet für Sie zu lernen, was man wohl oder nicht tun soll, um sich davor zu schützen. Bitte, lassen Sie uns darüber sprechen, ohne dass ich eine Autorität sein möchte. Ich glaube nicht, dass man etwas über Leid lernen kann. Lernen ist immer mechanisch. Erkennt aber unser Denken die Gefahr mechanischer Ansammlung, so kann es aufhören zu lernen: dann wird es beobachten, sehen und wahrnehmen, und das ist etwas ganz anderes als lernen. Bei seinem Leid zu verweilen, damit zu leben, ohne es hinzunehmen oder zu rechtfertigen, seine Regungen als etwas Lebendiges zu erkennen, erfordert viel Energie und Einsicht.

Frage: Mir scheint, wir müssten zuerst einmal wissen, woraus sich der Geist zusammensetzt?

Krishnamurti: Woraus setzt sich unser Geist zusammen? Aus dem Gehirn, den Sinnen, den Fähigkeiten, Urteilen, Zweifeln, Aberglauben, Ängsten; unser Geist kann sich spalten, kann verleugnen, sich sehnen, wünschen und nach Sicherheit und Fortdauer streben; das gesamte, ererbte, rassische Bewusstsein, dem die Gegenwart mit Erziehung, Erfahrungen und so weiter eingeprägt ist – all das ist doch unser Geist. Er ist das Zentrum, das erkennt, sich entfaltet, sich ändert, kämpft und leidet; er ist der Denker und das Denken, wobei der Denker beständig versucht, sein Denken zu beherrschen.

Ist es dem Denken möglich, sich vollkommen seines Inhalts zu entledigen? Das können Sie weder mit ›Ja‹ noch mit ›Nein‹ beantworten. Man kann nichts anderes tun als untersuchen, ob man wohl oder nicht die Grenzen seines Bewusstseins und dessen Beschränkungen wahrnehmen kann, ob die Begrenzung nötig ist, und ob man über sie hinausgehen kann.

Ein ernsthafter Mensch kennt seine eigenen Grenzen, ist sich seiner Mittelmäßigkeit, seiner Dummheit und Eifersucht, seines Ärgers und Ehrgeizes bewusst; und weil er alles verstanden hat, verhält er sich ruhig, sucht nicht mehr, verlangt nichts mehr. Nur ein solcher Mensch hat in sich selber Ordnung geschaffen und ist infolgedessen still geworden; und nur solches Denken kann vielleicht etwas empfangen, was kein Ergebnis des Denkens ist.

Frage: Sich selbst zu erkennen, erfordert gewisse Anstrengung?

Krishnamurti: Wirklich? Mein Gott, strengen Sie sich jetzt etwa nicht an? Wir bemühen uns doch beständig, etwas zu sein, etwas zu erwerben oder zu tun. Braucht man aber zum Sehen Anstrengung? Wenn ich den Berg und den grünen Abhang da draußen mit Interesse ansehe, ganz einfach betrachte, erfordert das Anstrengung? Ich muss mich anstrengen, wenn ich kein Interesse habe, wenn mir befohlen wird, etwas anzusehen. Und wenn ich mich nicht dafür interessiere und nicht gezwungen werde hinzusehen – wozu soviel Aufheben?

Frage: Wie bekommt man die nötige Energie für all das?

Krishnamurti: Ich sagte, dass Energie nötig sei, um mit dem, was ist, zu leben; und nun fragt jemand: wie bekommt man Energie? Bitte, untersuchen Sie es selber. Man bekommt Energie, wenn man keine Konflikte hat, wenn keine Widersprüche, kein Kampf, keine Gewaltsamkeit mehr im Denken zu spüren sind, und man nicht mehr durch zahllose Wünsche in entgegengesetzte Richtungen gezerrt wird. Man vergeudet Energie mit dem Anbeten von Erfolg oder mit seinen Wünschen nach Berühmtheit und Selbst-Erfüllung. – Sie kennen sicher die zahllosen Dinge, die bei uns Widerspruch hervorrufen. Wir verschwenden unsere Energie, wenn wir zu einem Psychiater oder in die Kirche gehen, oder auf den ungezählten anderen Wegen der Flucht vor uns selber. Besteht kein Widerspruch mehr, keine Furcht vor den Göttern, vor dem Letzten oder vor den Nachbarn und dem, was sie sagen werden, dann besitzt man Energie, und zwar nicht in ärmlicher, sondern in reichlicher Menge. Und solche Energie, solche Leidenschaft braucht man, um jeden Gedanken, jedes Gefühl, jeden Wink und jede Andeutung bis ans Ende verfolgen zu können.