Saanen 1961, Rede 5 – Teil 1

Heute morgen will ich mit Ihnen ein ziemlich verwickeltes Thema besprechen; doch bevor ich damit anfange, möchte ich wiederholen, was ich schon früher gesagt habe, dass meiner Meinung nach eine gewisse Ernsthaftigkeit nötig ist. Nicht die Ernsthaftigkeit, die mit einem langen Gesicht oder Überspanntheit gepaart geht, sondern die zwingende Beharrlichkeit, die bis ans Ende der Dinge vordringt, die nachgibt, wo es unvermeidlich ist, aber trotzdem immer weitergeht. Ich will also heute morgen ein Thema behandeln, das Ihre volle Aufmerksamkeit und Ihren Ernst beanspruchen wird; im Orient nennt man es Meditieren, aber ich bin nicht sicher, dass man hier im Westen genau versteht, was damit gemeint ist. Wir wollen hier weder das Abend- noch das Morgenland vertreten, sondern untersuchen, was meditieren heißt; denn ich halte das für sehr wichtig. Es umfasst unser ganzes Leben, und es behandelt die Gesamtheit unseres Denkens, nicht nur einen Teil. Die meisten Menschen wollen unglücklicherweise immer nur Teile ausbilden und werden darin überaus tüchtig. Für mich bedeutet Meditieren einen umfassenden Vorgang: es heißt, die dunklen Tiefen seines Denkens zu enträtseln und aufzudecken, es heißt, ohne bestimmtes Ziel, ohne Zweck zu untersuchen, und dabei zum völligen Verständnis seines gesamten Denkens zu gelangen, vielleicht auch darüber hinauszugehen.

Ich möchte es gern äußerst vorsichtig anfangen, denn jeder Schritt kann etwas enthüllen. Und ich hoffe, dass wir alle nicht nur im Bereich der Worte, der verstandesmäßigen Analyse bleiben, noch rein gefühlsmäßig, sentimental ein paar geistige Leckerbissen sammeln werden, sondern in vollem Ernst bis ganz ans Ende vordringen können. Vielleicht wird es auch nötig sein, es das nächste Mal fortzusetzen.

Wir alle suchen etwas – nicht nur auf der physischen, sondern auch auf der geistigen Ebene und in den tieferen Schichten unseres Bewusstseins. Beständig suchen wir nach Glück, Behagen, Sicherheit, Wohlstand oder nach bestimmten Dogmen und Glaubenssätzen, bei denen unser Denken zur Ruhe kommen und Trost finden kann. Wenn Sie Ihr eigenes Denken beobachten, werden Sie sehen, wie es immer sucht und sucht und sucht und niemals zufrieden ist; aber immer darauf hofft, irgendwie dauernde und bleibende Befriedigung zu finden. Wir streben alle nach körperlicher Wohlfahrt, aber die meisten Menschen geben sich unglücklicherweise so leicht zufrieden mit physischem Behagen, ein wenig Wohlstand, etwas Wissen, durchschnittlichen Beziehungen und so weiter. Einige von uns sind vielleicht mit physischen Dingen nicht zufrieden; dann suchen wir nach psychologischem, innerem Trost, nach Sicherheit, oder wir verlangen nach mehr Wissen, nach besseren, geistigen Ausdrucksmöglichkeiten. Und unser Suchen und Streben wird von allen Religionen der Welt ausgenützt. Christen, Hindus, Buddhisten bieten ihre Götter, ihre Glaubenssätze und Garantien dar, und unser Denken nimmt sie willig an, weil es unter deren Einfluss nicht weiter zu suchen braucht. So wird unsere Suche in bestimmte Kanäle geleitet und ausgenützt. Wenn wir durch und durch unglücklich und unbefriedigt mit der Welt, mit uns selber und unserem Mangel an Fähigkeiten sind, wollen wir uns mit etwas Größerem identifizieren. Aber selbst wenn wir etwas finden, das uns eine Zeitlang befriedigt, werden wir am Ende immer wieder aufgerüttelt und müssen weiter suchen.

Unsere Unzufriedenheit, unser Festhalten an Dingen, von denen wir stets wieder losgerissen werden, züchtet aber in uns gewohnheitsmäßiges Nachfolgen und gewohnheitsmäßiges Schaffen von Autorität – Autorität der Kirche, der verschiedenen Geistlichen und Heiligen, der inneren Bindungen und so weiter; und das spielt sich in der ganzen Welt so ab.

Ist das Denken aber durch Autorität verkrüppelt, sei es durch die Autorität der Religion, des Wissens, der Fähigkeit oder der Erfahrung, so ist es nicht frei zum Untersuchen. Unser Denken muss zweifellos frei sein, wenn es etwas herausfinden will. Und es ist eins der größten Probleme, wie man sich von aller Autorität befreien kann. Damit meine ich nicht die Autorität der Polizei oder des Gesetzes. Hält man sich auf der falschen Seite der Straße, so wird man offenbar Unfälle verursachen; und wenn man ein Gesetz übertritt, kann man ins Gefängnis kommen. Der Autorität auf diesem Gebiet auszuweichen, wie auch seine Steuern nicht zu bezahlen, ist nur töricht und absurd. Ich spreche von der Autorität, die wir infolge unseres Verlangens, zu suchen und zu finden, selber schaffen, oder die uns durch die Gesellschaft, durch Religionen und Bücher und so weiter auferlegt wird.

Es erscheint mir aber eines der wesentlichsten Dinge und absolut notwendig zu sein, dass sich der Geist von jedem Hang zur Autorität freimacht. Das ist besonders schwer, weil jedes Wort und jede Erfahrung, jedes Bild und Symbol seinen Abdruck in Form von Wissen hinterlässt und dadurch zur Autorität wird. Und selbst wenn man äußerer Autorität aus dem Wege geht, besitzt doch jeder Mensch seine eigene, geheime Autorität, die Autorität, die sagt: »Ich weiß«. Alle Autorität, alles Befolgen eines Schemas führt zu einer Zersplitterung des Handelns. Ist man auch ein guter Musiker oder auf anderem Gebiet sehr bewandert, so ist die Tätigkeit doch nur bruchstückhaft; wir sprechen hier aber vom umfassenden Handeln, worin alle Bruchstücke eingeschlossen sind. Umfassendes Handeln schließt die Gesamtheit des Lebens ein – das körperliche, das gefühlsbestimmte und das geistige. Solches Handeln entsteht, wenn man tief in das Unbewusste eindringt und alle dunklen Geheimnisse des eigenen Geistes aufdeckt und wenn das Denken geläutert aus dem herauskommt. Genau dieses umfassende Handeln ist Meditation.