Saanen 1961, Rede 5 – Teil 2

Es erfordert also viel mühsame Arbeit und innere Einsicht, um all die Pfade und Seitenpfade der Autorität aufzudecken, die wir im Lauf der Jahrhunderte für uns geschaffen haben, und auf denen wir beständig wandern. Es ist ungeheuer schwer, frei zu werden, alles zu vergessen, was man innerlich gewusst hat, und was zum Gestern gehört, sich von allen freudigen und schmerzlichen Erfahrungen, die man gemacht hat, loszusagen; doch nur dann ist man frei, zu leben und umfassend zu handeln.

Es erfordert wahlloses, passives Wahrnehmungsvermögen, worin sich alle geheimen Wünsche, Triebe, Zwangsvorstellungen und Sehnsüchte offenbaren, worin unser Denken nicht wählt, sondern nur beobachtet. Im Augenblick, da man wählt, hat man heimlich wieder Autorität geschaffen und ist dann nicht mehr frei. Kann man innerlich jede Gedankenregung, den tiefen Sinn jeden Wortes, die Bedeutung jedes Verlangens oder Wunsches wahrnehmen – ohne zu verleugnen oder hinzunehmen, nur ständig fortschreiten und wahllos beobachten – so wird man sein Denken von Autorität befreien. Erst wenn unser Denken frei ist, und nicht eher, kann es entdecken, was wahr und was falsch ist; und solche Freiheit entsteht gleich zu Anfang, nicht erst am Ende. Meditieren ist also kein Vorgang, bei dem unser Denken durch Wünsche oder Wissen beherrscht, diszipliniert oder geformt wird.

Ich hoffe, Sie können dem folgen. Wahrscheinlich ist Ihnen einiges davon neu, und Sie lehnen es möglicherweise ab. Sehen Sie, Annehmen oder Ablehnen deutet auf eine Unfähigkeit hin, dem, was der andere sagt, bis ans Ende zu folgen; und da Sie sich die Mühe gemacht haben hier herzukommen, glaube ich, es wäre töricht, wenn Sie einfach sagten: »Er hat recht« oder »Er hat unrecht«. Hören Sie daher bitte gut zu, damit Sie herausfinden können – nicht was Sie selber denken, sondern ob der Redner falsch oder wahr spricht, damit Sie tatsächlich das Falsche in der Wahrheit oder die Wahrheit als solche erkennen können. Das wird nicht möglich sein, wenn Sie Ihr eigenes Wissen und Bücher über Meditation oder Psychologie, die Sie gelesen haben, mit dem hier Besprochenen vergleichen. Dann befinden Sie sich auf einem Nebenwege und hören gar nicht zu. Wenn Sie aber ohne Anstrengung zuhören, nur um etwas zu untersuchen, werden Sie eine gewisse Freude dabei erleben. Meiner Ansicht nach liegt der Schlüssel im bloßen Anhören dessen, was wahr ist. Sie brauchen nichts anderes zu tun als am Zuhören teilzunehmen – das heißt, sich nicht zu identifizieren. Beim Meditieren gibt es kein Identifizieren und keine Einbildungskraft.

Wenn der Verstand also anfängt, den Ablauf seines eigenen Denkens zu begreifen, können Sie beobachten, wie das Denken zur Autorität wird; Sie werden bemerken, dass sowohl das Denken, das sich auf Gedächtnis, Wissen und Erfahrung gründet, wie auch der Denker, der es leitet, zur Autorität werden. Daher muss sich das Denken seiner eigenen Gedanken, der Beweggründe und Ursachen, denen es entstammt, bewusst werden. Können Sie dann noch tiefer in Ihrer Untersuchung vordringen, so werden Sie finden, dass die Autorität des Denkens ganz und gar aufhört.

Man muss also die rechte Grundlage schaffen, auf der das Gebäude der Meditation errichtet werden kann. Offenbar muss jede Form von Neid verschwinden, weil Neid im wesentlichen ein Vergleichen ist – du hast etwas Schönes und ich nicht, du bist klug und ich nicht, du hast Talent und ich nicht. Neid auf Besitz, Neid auf Fähigkeiten – neidisches Denken kann ebenso wenig weit gehen wie ehrgeiziges Denken. Die meisten Menschen sind ehrgeizig, und ein ehrgeiziger Sinn sucht immer nach Erfolg und nach Erfüllung, nicht nur draußen in der Welt, sondern auch in seinem Innern. Ein reifer Mensch kennt weder Erfolg noch Fehlschlag.

Das Denken muss also vollkommen und ganz frei werden, nicht nur gelegentlich und teilweise. Und das ist sehr mühsam. Es bedeutet die Läuterung unseres Denkens, das jahrhundertelang dazu erzogen worden ist, zu wetteifern und nach Erfolg zu streben.

Wissen Sie, das Freiwerden von Neid ist keine Sache der Zeit. Es bedeutet weder langsam den Neid abzulegen noch das Gegenteil davon aufzustellen und sich damit zu identifizieren, oder einen Zusammenschluss mit dem Gegenteil herbeizuführen – all das schließt allmählichen Verlauf ein. Ist man zum Beispiel ehrgeizig und macht es sich zum Ideal, nicht mehr ehrgeizig zu sein, dann braucht man Zeit, um die Strecke dazwischen zurückzulegen und sein Ideal zu erreichen. Für mich ist solches Vorgehen vollkommen unreif. Wenn man etwas deutlich erkennt, fällt es ab. Es erfordert keine Zeit, den Neid mit all seinen Verwicklungen umfassend zu sehen – das ist sicherlich nicht so schwer. Beobachtet man ihn und wird sich seiner bewusst, so offenbart er sich schnell genug; und ihn zu erkennen, bedeutet, ihn fallen zu lassen.

Ein neidischer, ehrgeiziger, selbstbewusster Mensch kann offenbar den Reichtum der Schönheit nicht sehen; auch kann er nicht wissen, was Liebe ist. Selbst wenn er verheiratet ist und Kinder hat, selbst wenn er Häuser besitzt und seinen Namen fortpflanzt, braucht er noch nicht zu wissen, was Liebe ist, solange er voller Neid und Ehrgeiz ist. Dann kennt er nur Sentimentalität, Gefühlsbewegung oder Anhänglichkeit; aber Anhänglichkeit ist noch nicht Liebe.