Saanen 1961, Rede 5 – Teil 3

Sind Sie nun soweit gegangen, und zwar nicht nur intellektuell oder theoretisch, dann werden Sie bemerken, dass die Flamme der Leidenschaft entsteht. Leidenschaft ist nötig; denn mit der Flamme der Leidenschaft kann man Berge und lange, grün bewaldete Abhänge sehen, kann man das Leid und die entsetzlichen Spaltungen, die der Mensch in seinem Drang nach Sicherheit geschaffen hat, überall wahrnehmen, kann man tief empfinden, doch ohne Selbstbewusstsein. Das ist also die Grundlage; und hat man einmal die Grundlage geschaffen, so ist das Denken frei; dann kann es fortschreiten – vielleicht gibt es auch gar kein weiteres Fortschreiten. Solange also all das in seiner Gesamtheit nicht vollkommen im Denken verankert ist, wird alles Suchen, alles Meditieren und Befolgen von Worten – wer sie auch gesagt haben mag – nur zu Illusionen, zu falschen Visionen führen. Wer vom Christentum beeinflusst ist, kann offenbar Visionen von Jesus bekommen, doch lebt er dann in Illusionen, die sich auf Autorität gründen; und solches Denken ist höchst beschränkt und kleinlich.

Ist man also innerlich soweit vorgedrungen, so muss es ein unmittelbarer Zustand sein – nicht übermorgen oder nächsten Monat, sondern tatsächlich in diesem Augenblick. Die Worte, die ich gebrauche, drücken die Wirklichkeit nicht aus; Worte sind keine Dinge. Und wenn Sie nur den Redner anhören, können Sie sich selber innerlich nicht folgen. Daher ist das Meditieren so wichtig. Meditieren bedeutet nicht, mit gekreuzten Beinen dazusitzen, auf bestimmte Weise zu atmen, Sätze zu wiederholen oder einem Schema zu folgen; das sind alles nur Kniffe, obwohl man damit erreichen kann, was das jeweilige System anbietet. Doch was man erhält, wird immer nur ein Bruchstück sein und ganz unbrauchbar. Zweifellos kann man mit einem Blick den gesamten Ablauf von Disziplin, Nachfolge und Anpassung überschauen, und alles unmittelbar fallen lassen, weil man es vollkommen verstanden hat. Aber träges Denken kann uns von unmittelbarer Erkenntnis abhalten, und die meisten unter uns sind faul, deshalb ziehen wir Methoden und Systeme vor, weil sie uns Vorschriften geben.

Es gibt eine bestimmte Art Trägheit, die sehr gut ist, eine gewisse Passivität oder Untätigkeit, mit der man die Dinge sehr scharf und klar sehen kann. Aber körperliche oder geistige Faulheit macht Körper und Geist stumpf, und man wird unfähig, zu beobachten und zu erkennen.

Nachdem man also die Grundlage gelegt hat – das heißt, tatsächlich die Gesellschaft und ihre Moral abgeschworen hat – kann man erkennen, dass Tugend etwas Wunderbares ist, etwas Liebliches und Reines. Man kann sie ebenso wenig ausbilden wie die Demut. Nur ein eitler Mensch wird Demut auszubilden suchen, und es ist sehr töricht, sich zu bemühen, demütig zu sein. Man kann aber leicht, vorsichtig, geheimnisvoll auf Demut stoßen, wenn man anfängt, sein eigenes Denken in allen dunklen, unerforschten Winkeln des Bewusstseins zu verstehen. Bei der Selbsterkenntnis kann man Demut antreffen, und solche Demut wird dann die Basis oder das Auge oder der bloße Hauch, wodurch man wahrnimmt, spricht oder sich mitteilt. Man kann sich selbst nicht kennen lernen, wenn man missbilligt, verurteilt und bewertet; Selbsterkenntnis ist vielmehr das Beobachten, das Sehen dessen, was ist, ohne Verzerrung; ein Betrachten, wie man eine Blume betrachten würde, ohne sie zu zerreißen. Ohne Selbsterkenntnis führt alles Denken zur Verirrung und Selbsttäuschung. Daher beginnt man, mit Selbsterkenntnis die Grundlage für wahre Tugend zu schaffen, die weder der Gesellschaft noch einem andern erkennbar ist. Im Augenblick, da die Gesellschaft oder jemand anders die Tugend erkennt, ist man wieder im Schema der andern gefangen; dann wird sie zur konventionellen Tugend und ist keine Tugend mehr.

Selbsterkenntnis ist also der Beginn allen Meditierens. Es lässt sich noch sehr viel mehr über Meditieren sagen, dies ist nur eine Einführung, sozusagen das erste Kapitel. Und das Buch hat kein Ende, es gibt keinen Schluss, keine Errungenschaft. Das Wunderbare, das Herrliche an all dem ist, dass, wenn unser Gehirn, unser Denken eine Erkenntnis gehabt und sich aller seiner Entdeckungen wieder entledigt hat, wenn es vollkommen frei von dem Bekannten und ohne jeden Beweggrund ist, dass dann vielleicht das Unerkennbare, das Unermessliche ins Dasein treten kann.

Ich fürchte, ich habe etwas zu lange gesprochen, aber es bleibt uns noch ein wenig Zeit zum Diskutieren.