Saanen 1961, Rede 5 – Fragen

Bemerkung: Ich verstehe nicht ganz, wie Freiheit am Anfang herrschen kann und nicht erst am Ende, weil am Anfang doch noch Vergangenheit steht, und nicht Freiheit.

Krishnamurti: Sehen Sie, da bringen Sie wieder das Problem der Zeit hinein. Kann man am Ende frei sein? Kann man nach vielen Tagen oder vielen Jahrhunderten frei werden? Bitte, ich will nicht mit Ihnen darüber streiten, und Sie sollen auch nicht einfach annehmen, was ich sage; wir müssen es sehen. Nehmen Sie ein Beispiel; ich bin als Hindu, als Christ, als Kommunist, oder wie Sie wollen, bedingt und werde durch die Gesellschaft, durch Ereignisse und zahllose Einflüsse geformt. Ist nun das Ablegen der Bedingtheit eine Frage der Zeit? Bitte, denken Sie darüber nach. Wenn Sie behaupten, es sei eine Frage von Zeit, werden Sie doch in der Zwischenzeit Ihre Bedingtheit immer mehr aufbauen, nicht wahr?

Sehen Sie einmal her: jede Ursache ist zugleich auch Wirkung, nicht wahr? Ursache und Wirkung sind nicht voneinander verschiedene, feststehende Dinge. Was einmal Wirkung war, kann wieder zur Ursache werden; es ist eine Kette, die beständiger Veränderung, beständigem Einfluss unterliegt, die reift, im Lauf der Zeit zunimmt oder abnimmt, und so weiter. Sie haben jeder Ihre Bedingtheit als Engländer, als Jude oder Schweizer, oder was es auch sei, und Sie wollen mir sagen, dass man Zeit brauche, um zu sehen, wie albern das ist? Und wenn man die Albernheit erkennt, braucht man dann noch Zeit, um alles fallen zu lassen? Sehen Sie, wir wollen die verderbliche Natur der Sache nicht sehen, weil wir darin groß geworden sind und uns der Zustand gefällt. Eine Fahne bedeutet uns etwas, wir haben Vorteile von ihr. Würden Sie zum Beispiel sagen: »Ich bin kein Schweizer mehr« oder etwas dergleichen, so könnten Sie Ihre Stellung verlieren, könnten aus der Gesellschaft ausgestoßen werden oder Ihre Kinder nicht mehr schicklich verheiraten. Deshalb klammern wir uns daran, und gerade das hält uns davon ab, es unmittelbar zu erkennen und fallen zu lassen.

Sehen Sie, wenn ich mein ganzes Leben lang gearbeitet habe, um etwas zu erreichen, um berühmt oder erfolgreich zu werden, glauben Sie, ich werde es dann so einfach fallen lassen? Glauben Sie, ich werde Vorteil, Ansehen, Namen und Stellung so leicht aufgeben? Man kann es unmittelbar fallen lassen, wenn man wirklich die Albernheit, die Rohheit und Rücksichtslosigkeit von all dem erkennt und sieht, dass darin weder Zuneigung noch Liebe, sondern nur selbst-berechnetes Handeln liegt. Doch man will es nicht sehen und erfindet nur Entschuldigungen, wie: »Ich werde es später, zur rechten Zeit schon tun, aber um Himmels willen, störe mich nicht gerade jetzt.« So sprechen die meisten, fürchte ich, nicht nur begabte Menschen, sondern wir, die mittelmäßigen und durchschnittlichen. Es erfordert keine Zeit, den Knoten durchzuhauen. Es erfordert unmittelbare Erkenntnis, unmittelbares Handeln, als ob man einem Abgrund oder einer Schlange gegenüber stünde.

Frage: Wie können wir so klare Erkenntnis bekommen und alle Erfahrungen vergessen?

Krishnamurti: Braucht man nicht einen unschuldigen Sinn, um überhaupt etwas klar zu sehen? Jedes Erlebnis beeinflusst offenbar unseren Sinn, legt ihm neue Bedingtheit auf; und dann versuchen wir, durch all die Bedingtheit hindurch etwas Neues zu erkennen. Ich will nicht behaupten, dass etwas Neues besteht, darum geht es hier nicht. Will man aber erfahren, ob es etwas vollkommen Neues, etwas Schöpferisches geben kann, so braucht man dazu sicherlich einen unschuldigen, frischen und jungen Sinn. Ich sage auch nicht, dass man alle seine Erfahrungen vergessen müsse; es ist ganz klar, dass man sie nicht vergessen kann. Doch man kann wohl begreifen, dass das Aneinanderreihen von Erfahrungen unseren Sinn mechanisch macht, und ein mechanischer Sinn ist niemals schöpferisch.