Saanen 1961, Rede 6 – Teil 1

Wir haben ziemlich ausführlich davon gesprochen, wie man einer Tatsache gegenübertreten, wie man sie ohne Verurteilung oder Rechtfertigung beobachten, wie man sich ihr ohne jede Meinung nähern soll. Besonders da, wo es sich um psychologische Tatsachen handelt, sind wir geneigt, unsere Vorurteile, Wünsche oder Triebe einzuführen, die das, was ist, verzerren und ein gewisses Empfinden von Schuld oder Widerspruch entstehen lassen, das die Wirklichkeit verleugnet. Wir haben auch darüber gesprochen, wie wichtig es ist, alles, was wir uns als Zuflucht oder zur Verteidigung aufgebaut haben, vollkommen zu zerstören. Das Leben erscheint uns oft zu gewaltig und zu schnell in seinem Lauf, und unser träger Sinn, unsere langsame Denkweise, unsere eingewurzelten Gewohnheiten erzeugen unvermeidlich Widersprüche in uns, so dass wir versuchen, dem Leben unsere Bedingungen zu diktieren. Während die Widersprüche und Konflikte sich fortsetzen und zunehmen, stumpft sich unser Denken allmählich immer mehr und mehr ab. Deshalb möchte ich heute morgen, wenn ich darf, über die einfache Strenge des Denkens und über Leid sprechen.

Es ist sehr schwer, geradlinig zu denken, die Dinge klar zu sehen, und das, was man sieht, logisch, vernünftig bis ans Ende zu verfolgen. Es ist sehr schwer, klar und daher einfach zu sein. Ich meine damit nicht die Einfachheit der äußeren Kleidung oder geringen Besitzes, sondern innere Einfachheit. Will man an ein sehr verwickeltes Problem wie das Leid herangehen, so glaube ich, ist ein einfacher Zugang wesentlich. Aber bevor wir damit beginnen, müssen wir uns ganz klar darüber werden, was wir unter dem Wort ›einfach‹ verstehen.

Unser Denken, wie wir es kennen, ist verwickelt, unendlich klug und spitzfindig; es trägt zahllose Erfahrungen und alle Einflüsse der Vergangenheit, der Rasse, der Rückstände aus aller Zeit in sich. Diese gewaltige Verwicklung auf Einfachheit zurückzuführen ist wirklich sehr schwer; und doch glaube ich, dass man es tun muss, sonst kann man nie über Konflikt und Leid hinausgehen.

Es steht also zur Frage, ob es angesichts der unendlichen Verzweigtheit von Wissen, Erfahrung und Gedächtnis überhaupt möglich ist, sein Leid zu betrachten und sich davon zu befreien.

Zuerst einmal bin ich der Meinung, dass für unsere Untersuchung, wie man einfach und direkt denken soll, Erklärungen jeglicher Art durchaus schädlich sind. Begriffsbestimmungen können unser Denken nicht einfach machen und Auseinandersetzungen nicht zur Klärung unserer Wahrnehmung beitragen. Daher glaube ich, dass man sich seiner sklavischen Abhängigkeit von Worten innerlich voll bewusst werden muss, obgleich auch zu beachten ist, dass Worte zur Mitteilung nötig sind. Was man mitteilt, ist aber nicht nur das Wort; die Mitteilung geht über das Wort hinaus, sie ist zugleich ein Fühlen und Erkennen, das sich nicht in Worte fassen lässt. Ein wahrhaft einfacher Sinn ist noch nicht gleichbedeutend mit Unwissenheit. Das einfache Denken ist frei, allen Feinheiten, Schattierungen oder Regungen einer gegebenen Tatsache nachzugehen. Und dazu muss es sich zweifellos von der Sklaverei der Worte befreit haben. Solche Freiheit führt zum Ernst der Einfachheit. Hat man diesen einfachen Zugang, dann kann man sein Leid direkt betrachten und zu verstehen suchen.

Meiner Ansicht nach sind die Einfachheit des Denkens und das Leid miteinander verwandt. Unser ganzes Leben in Leid zu verbringen, ist sicherlich das Törichtste, was wir tun können, um es milde auszudrücken. Beständig Konflikte zu haben, mit Enttäuschungen zu leben, sich immer wieder in Furcht oder Ehrgeiz zu verstricken, oder sich in seinem Drang nach Erfüllung und Erfolg zu verfangen – sein ganzes Leben in solchem Zustand zu sein, kommt mir vollkommen nutzlos und unnötig vor. Um sich aber vom Leid zu befreien, muss man, glaube ich, an das Problem auf sehr einfache Weise herangehen.

Man kann auf verschiedene Weise leiden, körperlich und psychologisch. Es gibt einerseits körperlichen Schmerz, der bei Krankheit, Zahnweh, dem Verlust eines Gliedes und so weiter auftritt; andrerseits inneren Kummer, der entsteht, wenn man jemanden, den man liebt, verliert, oder wenn man keine besondere Fähigkeit, kein Talent hat, und Menschen sieht, die Fähigkeit, Talent, Geld, Stellung, Rang und Macht besitzen. Man hat immer einen Trieb nach Erfüllung, aber im Schatten der Erfüllung verbirgt sich Enttäuschung und infolgedessen Kummer.

Es gibt also die beiden Arten des Leidens, körperliches und psychologisches Leiden. Nehmen Sie das Beispiel eines Menschen, der einen Arm verloren hat; sogleich beginnt das Problem seines Leidens. Das Denken geht in die Vergangenheit zurück, erinnert sich all dessen, was man getan hat, und da man nun nicht mehr Tennis spielen oder viele andere Dinge tun kann, fängt man an zu vergleichen, und so entsteht Leid. Damit sind wir alle gut bekannt. Tatsache ist, dass ich einen Arm verloren habe, und kein Theoretisieren, Erklären, Vergleichen, kein noch so großes Mitleid mit mir selber kann den Arm zurückbringen. Das Denken ergeht sich jedoch im Selbst-Bedauern und im Rückblick auf die Vergangenheit. Da nun die gegenwärtige Tatsache im Widerspruch zur Vergangenheit steht, führt das Vergleichen unweigerlich zum Konflikt, und aus dem Konflikt entspringt Leid. Das ist die eine Art des Leidens.

Dann gibt es auch psychologisches Leid. Zum Beispiel, mein Bruder oder mein Sohn ist gestorben. Kein Theoretisieren, Erklären, Glauben oder Hoffen kann ihn je zurückbringen. Die Tatsache, dass er dahingegangen ist, bleibt grausame, unbeugsame Wirklichkeit. Dazu kommt die andere Tatsache, dass ich infolgedessen einsam bin. Wir waren so gute Freunde, wir unterhielten uns, lachten und freuten uns zusammen; jetzt ist das Zusammensein vorbei und ich bin allein. Die Einsamkeit ist aber auch eine Tatsache, genau wie sein Tod. Ich bin gezwungen, die Tatsache seines Todes hinzunehmen, aber ich will die Tatsache meiner Einsamkeit in dieser Welt nicht anerkennen. Daher beginne ich Theorien, Hoffnungen, Erklärungen zu erfinden, und das ist meine Flucht vor der Tatsache; aber Ausflüchte führen zum Leiden – nicht die Tatsache an sich, dass ich einsam bin, oder dass mein Bruder gestorben ist. Eine Tatsache kann niemals Leid verursachen, und ich halte es für außerordentlich wichtig, das zu verstehen, wenn man sich wirklich vollkommen vom Leid befreien will. Meiner Ansicht nach kann man nur davon frei werden, wenn das Denken nicht mehr Erklärungen und Ausflüchte sucht, sondern der Tatsache selber gegenübertritt. Ich weiß nicht, ob Sie das je versucht haben.