Saanen 1961, Rede 6 – Frage 1-3

Frage: Wenn man Kummer hat, ist es doch unvermeidlich, dass man versucht, etwas dagegen zu tun.

Krishnamurti: Wir sagten neulich schon, dass wir immer gern mit unserer Freude leben, nicht wahr? Wir versuchen nie, Freude zu ändern, wir möchten sie Tag und Nacht bis in alle Ewigkeit ausdehnen. Wir wollen nichts daran ändern, wollen sie nicht einmal berühren und halten den Atem an, damit sie uns nicht entflieht; wir klammern uns an sie, nicht wahr? Wir wollen an allem festhalten, was uns entzückt, was uns Freude, Vergnügen oder Sensation bereitet – wie zum Beispiel zur Messe oder zur Kirche zu gehen. Bei dergleichen Dingen fühlen wir eine gewisse Erregung, eine Sensation, die wir nicht gern ändern wollen, denn sie gibt uns die Empfindung, der Quelle aller Dinge nahe zu sein, ist das nicht richtig? Warum können wir nicht in derselben Weise, mit der gleichen Intensität mit unserm Kummer leben, ohne etwas in Bezug auf ihn unternehmen zu wollen? Haben Sie das je versucht? Haben Sie einmal versucht, mit körperlichen Schmerzen zu leben? Haben Sie einmal versucht, mit Lärm zu leben?

Lassen Sie uns ein einfaches Beispiel nehmen. Ein Hund bellt nachts, während Sie gern schlafen wollen, aber er bellt und bellt immer weiter; was tun Sie dann? Sie widersetzen sich, nicht wahr? Sie werfen ihm Dinge nach, verwünschen ihn und tun dagegen, was Sie nur können. Wenn Sie nun statt dessen mit dem Geräusch mitgingen, sich das Bellen ohne Widerstand anhörten, dann wäre es doch keine Störung. Ich weiß nicht, ob Sie je einen solchen Versuch gemacht haben. Sie sollten es einmal probieren, keinen Widerstand zu leisten. Sie schieben doch nie Freude von sich; können Sie nicht ebenso versuchen, einmal mit Ihrem Kummer zu leben, ohne Widerstand, ohne Wahl; ihm nicht zu entfliehen, keiner Hoffnung nachzugeben und keine Verzweiflung heraufzubeschwören – nur eben mit ihm zu leben?

Wissen Sie, mit etwas zu leben, heißt es zu lieben. Wenn Sie einen Menschen lieben, wollen Sie mit ihm leben, mit ihm Zusammensein, nicht wahr? Auf dieselbe Weise kann man mit seinem Kummer leben, aber nicht sadistisch, sondern indem man das ganze Bild umfassend sieht und ihm nicht ausweicht, vielmehr die Kraft und Stärke und auch die äußerste Oberflächlichkeit darin empfinden kann. Das heißt aber, dass Sie nichts in Bezug auf Ihr Leid tun können. Schließlich wollen Sie auch nichts an dem ändern, was Ihnen große Freude bereitet; Sie wollen es nur strömen lassen. In ähnlicher Weise bedeutet, mit seinem Leid zu leben, es tatsächlich zu lieben, und das erfordert viel Energie und Verständnis; es heißt, ununterbrochen zu beobachten, ob das Denken nicht dem Tatsächlichen zu entfliehen strebt. Es ist schrecklich leicht, ihm zu entfliehen; man kann sich betäuben, kann trinken, das Radio anstellen, ein Buch zur Hand nehmen, sich unterhalten und so weiter. Will man aber mit etwas – sei es nun freudig oder schmerzlich – uneingeschränkt, vollständig leben, so braucht man dazu gespannte Wachsamkeit des Denkens. Und ist das Denken außerordentlich wachsam, dann bringt es sein eigenes Handeln hervor – oder besser, dann entspringt das Handeln dem Tatsächlichen, und unser Denken braucht nichts mehr in Bezug darauf zu tun.

Frage: Sollten wir bei körperlichen Schmerzen nicht zu einem Arzt gehen?

Krishnamurti: Natürlich; wenn ich Zahnschmerzen habe, gehe ich zu einem Zahnarzt. Wenn Sie irgendein körperliches Leiden haben, müssen Sie allerdings zu einem Arzt gehen. Ist es nicht sehr oberflächlich, solche Fragen zu stellen? Wir sprechen hier zwar auch von körperlichen Schmerzen, aber hauptsächlich von psychologischem Leid, von den geistigen Foltern, die man oft durchmacht wegen einer Idee, eines Glaubens oder eines andern Menschen; und wir fragen uns, ob es möglich sei, uns vollkommen von innerem Leiden zu befreien. Der Körper ist wie eine Maschine, die in Unordnung geraten kann, und man muss sein Möglichstes tun, sie in Ordnung zu halten; man muss aber darauf achten, dass die Maschine unser Denken nicht stört, es nicht verdreht und verzerrt, und dass es trotz körperlichem Leiden gesund bleibt. Es ist also die Frage, ob unser Denken, die Quelle aller Erleuchtung wie auch allen Konflikts, Leidens und Kummers, frei von Leiden und unberührt von unsern körperlichen Schmerzen bleiben kann.

Schließlich werden wir jeden Tag älter; trotzdem sollte es möglich sein, sich einen jungen, frischen und unschuldigen Sinn zu bewahren, und nicht durch die gewaltige Bürde von Erfahrung, Wissen und Leiden niedergedrückt zu werden. Ich habe das Gefühl, dass ein junger, unschuldiger Sinn absolut notwendig ist, wenn man untersuchen will, was wahr ist, oder ob es einen Gott gibt, oder wie Sie es nennen wollen. Ein alternder Sinn, der sich quält und leidet, kann das nie herausfinden; es ist absurd, Leiden zu etwas Notwendigem zu machen, zu etwas, das einen am Ende in den Himmel bringen kann. Im Christentum wird das Leid als ein Weg zur Erleuchtung gepriesen. Man muss aber frei von Leid und Dunkelheit werden, erst dann entsteht Licht.

Frage: Ist es für mich möglich, frei von Leid zu sein, wenn ich soviel Leid um mich herum sehe?

Krishnamurti: Was denken Sie selber darüber? Gehen Sie nur einmal in den Osten, nach Indien oder Asien, und Sie werden viel Leid sehen, körperliches Leiden, Hungersnot, Entwürdigung und Armut. Das ist eine Art des Leidens. Wenn Sie dann in die moderne Welt kommen, ist jedermann damit beschäftigt, sein Gefängnis von außen auszuschmücken; man ist reich und wohlhabend, aber innerlich sehr arm und leer. Da gibt es auch Leid. Was können Sie daran tun? Was können Sie für mein Leid tun? Können Sie mir helfen? Denken Sie es bitte einmal durch.

Heute morgen habe ich fast eine halbe Stunde über Leiden gesprochen, und wie man sich davon befreien soll. Kann ich Ihnen helfen, tatsächlich helfen, damit Sie sich davon frei machen, es keinen Tag länger mit sich herumtragen, vollkommen frei davon werden? Helfe ich Ihnen dabei? Ich glaube nicht. Zweifellos müssen Sie die ganze Arbeit allein tun. Ich kann nur erklären. Ein Wegweiser hat insofern keinen Wert, als es wenig Sinn hat, ewig dazustehen und ihn zu lesen. Sie müssen sich der Einsamkeit zuwenden und ihr mit allem, was darin eingeschlossen liegt, auf den Grund gehen. Kann ich dem Leid der Welt abhelfen? Wir sind ja nicht nur mit unserer eigenen Verzweiflung und Qual vertraut, sondern sehen sie auch auf den Gesichtern anderer. Und man kann nur das Tor zur Freiheit anweisen; doch die meisten Menschen wollen über die Schwelle getragen werden. Sie verehren denjenigen, der Sie, wie Sie glauben, herübertragen wird, und machen ihn zu Ihrem Erlöser und Meister, was reiner Unsinn ist.