Saanen 1961, Rede 7 – Teil 1

Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir heute mit unserm Thema von vorgestern fortfahren, nämlich dem umfassenden Begriff des Meditierens. Im Osten ist das Meditieren ein sehr wichtiges, tägliches Ereignis für alle, die sich tiefer damit befasst haben; im Abendlande wird es vielleicht als nicht so dringend und ernsthaft angesehen. Da es indessen den gesamten Lebensvorgang umschließt, glaube ich, wir sollten einmal betrachten, was alles darin enthalten ist.

Wie ich schon gesagt habe, ist es vollkommen eitel und nutzlos, bloßen Worten oder Sätzen zu folgen und damit auf der Ebene der Worte zu bleiben. Folgt man einem Thema rein intellektuell, so trägt man damit einen Sarg zu Grabe. Geht man jedoch wirklich tief darauf ein, so kann es ganz außerordentliche Dinge im Leben enthüllen. Wie ich auch schon angedeutet habe, wollen wir hier nicht das erste Kapitel eines vollständigen Buches behandeln, denn der Lebensvorgang nimmt kein Ende. Aber wir können die Themen behandeln, wie sie auftauchen.

Wir werden sogleich, wie Sie sehen werden, tiefer und umfassender darauf eingehen, aber zuerst einmal müssen wir zu verstehen suchen, was negatives und positives Denken ist. Ich gebrauche die Worte ›negativ‹ und ›positiv‹ hier nicht als Gegensätze. Die meisten Menschen denken positiv, das heißt, sie sammeln und fügen hinzu, oder nehmen fort, wenn das dienlicher und vorteilhafter ist. Positives Denken will nachahmen, übereinstimmen und sich dem Schema der Gesellschaft oder seinen eigenen Wünschen anpassen; und wir sind meist mit solchem positiven Denken zufrieden. Für mich führt positives Denken zu nichts.

Nun ist negatives Denken aber nicht das Gegenteil von positivem Denken, sondern ein ganz anderer Zustand, ein anderer Vorgang; und ich glaube, das muss klar verstanden werden, ehe wir weitergehen können. Negatives Denken heißt, sein Denken vollkommen zu entblößen; es bedeutet, das Gehirn, den Lagerraum aller Reaktionen, ruhig zu machen.

Sie haben sicherlich schon bemerkt, dass unser Gehirn sehr aktiv ist und dauernd reagiert; das Gehirn muss reagieren, sonst stirbt es ab. Mit seinen Reaktionen schafft es positive Vorgänge, die es positives Denken nennt, und die alle mechanisch und auf Verteidigung eingestellt sind. Wenn Sie einmal Ihr eigenes Denken beobachten, können Sie erkennen, dass das, was ich beschreibe, sehr einfach und nicht verwickelt ist.

Die erste Vorbedingung für unser Gehirn scheint mir die zu sein, voll aufmerksam und empfindsam zu werden, ohne zu reagieren; und daher halte ich es für nötig, negativ zu denken. Vielleicht können wir später darüber diskutieren. Wenn Sie es verstehen, werden Sie sehen, dass negatives Denken keine Anstrengung bedingt, während positives Denken Anstrengung voraussetzt – mit Anstrengung meine ich hier Konflikte, worin auch Leistung, Unterdrückung und Verleugnung miteingeschlossen sind.

Bitte, beobachten Sie jetzt Ihr eigenes Denken bei seiner Tätigkeit, Ihr Gehirn bei der Arbeit; hören Sie nicht nur meinen Worten zu. Worte haben keine tiefe Bedeutung, sie dienen nur dazu, etwas anzudeuten oder mitzuteilen. Wenn Sie auf der wörtlichen Ebene bleiben, werden Sie nicht sehr weit kommen.

Das Gehirn ist also dank unserer Erziehung und Kultur, dank den Einflüssen der Gesellschaft, der Religion und so weiter, bei uns allen äußerst tätig, während die Gesamtheit unseres Denkens sehr schwerfällig ist. Nun ist es eine schwierige Aufgabe, das Gehirn ruhig zu machen, doch so, dass es voll empfindlich bleibt, es tätig zu halten, ohne dass es eine Abwehr aufbaut – Sie werden das kennen, wenn Sie je darauf eingegangen sind. Aber es bedeutet keine Anstrengung für das Gehirn, höchst aktiv und gleichzeitig vollkommen ruhig zu sein.

Die meisten Menschen betrachten Anstrengung als einen Teil ihres Daseins; offenbar können wir nicht ohne sie leben: es kostet Anstrengung, morgens aufzustehen, in die Schule oder ins Büro zu gehen, eine Tätigkeit stetig fortzusetzen, jemanden zu lieben. Unser ganzes Leben ist eine Reihe von Anstrengungen vom Augenblick unserer Geburt bis zum Augenblick, da man uns zu Grabe legt. Anstrengung bedeutet Konflikt; wenn man indessen die Dinge beobachtet, wie sie sind, eine Tatsache so sieht, wie sie ist, gibt es keine Anstrengung. Wir haben uns selber aber, bewusst oder unbewusst, nie so beobachtet, wie wir sind. Wir versuchen immer das, was wir in uns finden, zu ändern, zu ersetzen, umzuwandeln oder zu unterdrücken. All das bedeutet Konflikte, und wenn unser Denken, unser Gehirn voller Konflikte ist, kann es niemals ruhig sein. Um tief zu denken, um weit vorgehen zu können, muss das Gehirn höchst aktiv und doch ruhig sein – es darf nicht träge werden, sich nicht in Schlaf wiegen und sich nicht mit Glaubenssätzen und Abwehrmitteln betäuben.

Die Konflikte sind es nämlich, die unser Denken abstumpfen. Wollen wir also auf das Thema des Meditierens eingehen, wollen wir tief ins Leben eindringen, dann müssen wir von Anfang an Konflikt und Anstrengung zu verstehen suchen. Wenn Sie einmal Ihre eigenen Anstrengungen betrachtet haben, werden Sie wissen, dass sie alle darauf gerichtet sind, etwas zu erreichen, etwas zu werden oder Erfolg zu haben; daraus entstehen dann Konflikte und Enttäuschungen mit Leiden, Hoffnung und Verzweiflung. Wer sich aber dauernd im Konflikt befindet, stumpft ab. Kennen wir nicht alle irgendeinen Menschen, der beständig Konflikte hat und ganz unempfindlich geworden ist? Will man also sehr weit gehen und sehr tief vorstoßen, so muss man Konflikt und Anstrengung vollkommen zu verstehen suchen. Anstrengung und Konflikt treten bei positivem Denken auf; bei negativem Denken dagegen, der höchsten Denkform, die es gibt, herrscht weder Anstrengung noch Konflikt.