Saanen 1961, Rede 7 – Teil 3

Machen Sie einmal einen ganz einfachen Versuch: seien Sie aufmerksam, wenn Sie spazieren gehen. Sie werden dann bemerken, dass Sie viel mehr sehen und hören, als wenn Sie sich konzentrieren. Aufmerksamkeit ist nämlich ein Zustand des Nicht-Wissens, das heißt der Untersuchung, denn das Gehirn untersucht ohne Anlass, ohne Beweggrund. Es ist reine Forschung, es ist die Eigenschaft wissenschaftlichen Denkens. Wissen kann nebenbei bestehen, doch stört es die Untersuchung in keiner Weise. Ein aufmerksamer Sinn kann sich also auch konzentrieren, aber seine Konzentration ist weder Widerstand noch Ausschluss. Können einige von Ihnen mir folgen?

Um also weiterzugehen: solche Aufmerksamkeit ist nur einem Sinn zu eigen, der nicht mit Belehrung, Wissen und Erfahrung angefüllt ist; es ist ein Geisteszustand, der im Nicht-Wissen auftritt. Es bedeutet, dass unser Gehirn, unser Denken alle Einflüsse, Verordnungen oder Bestätigungen verworfen hat; dass es den Begriff der Autorität versteht, dass es Ehrgeiz, Neid und Gier aufgelöst hat und sich in vollkommenen Gegensatz zur Gesellschaft und ihrer Moral stellt. Es folgt nichts und niemandem mehr nach. Solches Denken kann daran gehen, zu untersuchen.

Um aber tief forschen zu können, ist auch Stille nötig. Will ich die Berge dort betrachten und dem Fluss zuhören, wie er vorbei rauscht, so muss nicht nur mein Gehirn, sondern auch mein gesamtes Denken, das bewusste und das unbewusste, sich ruhig verhalten. Wenn das Gehirn schwatzt und das Denken nur begreifen und festhalten will, kann man weder etwas betrachten noch dem lieblichen Rieseln des Wassers zuhören. Untersuchung erfordert also Freiheit und Stille.

Wissen Sie, viele Menschen haben Bücher darüber geschrieben, wie man durch Meditieren und Konzentrieren zu einem ruhigen Sinn kommen kann. Bände sind darüber geschrieben worden – nicht dass ich sie gelesen hätte! Viele Leute sind zu mir gekommen, um darüber zu sprechen. Es ist aber reiner Unsinn, seinen Sinn darin zu üben, still zu sein. Wenn man sein Denken zur Stille erziehen will, gerät man in einen Zustand des Verfalls; denn alles Denken, das sich infolge von Furcht, Gier, Neid oder Ehrgeiz anzupassen sucht, ist leblos, träge und dumm. Ein träger und dummer Sinn kann zwar auch ruhig sein, aber er bleibt kleinlich und eng, und nichts Neues kann zu ihm gelangen.

Ein aufmerksamer Mensch hat also keinen Konflikt und ist daher frei; und sein Sinn ist still und ruhig. Ich weiß nicht, ob Sie je soweit gegangen sind; wenn ja, so wissen Sie auch, dass das, wovon wir sprechen, Meditation ist.

Im Lauf Ihrer Selbsterkenntnis werden Sie erfahren, dass ein ruhiger Sinn nicht leblos, sondern außerordentlich tätig ist. Doch ist er nicht tätig, um etwas zu leisten, um etwas hinzuzufügen oder abzuziehen, um zu gehen, zu kommen oder zu werden; denn sein höchst aktiver Zustand ist ohne Suchen und ohne Anstrengung entstanden. Man hat vielmehr fortlaufend alles, jede Phase seines Daseins begriffen; es hat niemals Unterdrückung stattgefunden, und infolgedessen gab es weder Furcht noch Nachahmung oder Anpassung. Hat aber unser Denken all das nicht getan, so gibt es auch keine Stille.

Was geschieht nun? Bisher haben wir Worte zur Mitteilung angewandt, aber das Wort ist nicht das, was es ausdrückt. Das Wort ›Stille‹ ist nicht Stille. Bitte, versuchen Sie das zu verstehen: soll Stille herrschen, so muss sich unser Denken vom Wort freimachen.

Sobald also unser Sinn wirklich ruhig ist und sich nicht mehr um Mitteilung, Ausdruck und Leistung kümmert, wenn er aktiv und frei ist, dann entsteht Schöpfung. Solche Schöpfung ist keine Vision. Christen haben mitunter Visionen von Jesus, und Hindus von ihren eigenen kleinen oder großen Göttern. Das sind Reaktionen nach der jeweiligen Bedingtheit. Man projiziert diese Visionen, und was man sieht, wird im eigenen Hintergrunde geboren; man sieht nichts Tatsächliches, sondern die Projektion seiner eigenen Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen. Doch der aufmerksame und ruhige Sinn hat keine Visionen, weil er sich von seiner Bedingtheit befreit hat. Deshalb weiß er auch, was Schöpfung ist – und damit meine ich etwas ganz anderes als die sogenannte Schöpferkraft der Musiker, Maler oder Dichter.

Sind Sie einmal soweit vorgedrungen, so können Sie erkennen, dass es einen Geisteszustand ohne Zeit und Raum gibt, in dem das Unermessliche erkannt oder empfangen werden kann; und was darin gesehen und gefühlt wird, gehört ins Erleben, gehört in den Augenblick und lässt sich nicht aufbewahren.

Diese Wirklichkeit also, die sich weder messen noch benennen oder in Worte fassen lässt, entsteht erst, wenn das Denken vollkommen frei und still, das heißt in einem schöpferischen Zustand ist. Der schöpferische Zustand ist nicht wie durch Alkohol oder andere Reizmittel hervorgerufen. Hat man einmal Verständnis erlangt, ist man durch Selbsterkenntnis gegangen und daher frei von allen Reaktionen des Neides, des Ehrgeizes und der Gier, so wird man erkennen, dass Schöpfung immer neu und auch immer zerstörend ist. Schöpfung kann nie im Rahmen der Gesellschaft oder einer begrenzten Individualität entstehen; daher ist es vollkommen bedeutungslos, wenn eine begrenzte Individualität nach der Wirklichkeit sucht. Mit Schöpfung geht restlose Zerstörung von allem, was man angesammelt hat, Hand in Hand, und so kann das Neue beständig ins Dasein treten. Das Neue ist ewig wahr und unmessbar.

Wollen Sie jetzt das, was wir besprochen haben, diskutieren und Fragen stellen?