Saanen 1961, Rede 7 – Frage

Frage: Ist der Zustand vollkommener Aufmerksamkeit derselbe wie das Verlangen ohne Beweggrund?

Krishnamurti: Verlangen ist etwas ganz Außerordentliches, nicht wahr? Für unsere Begriffe ist es mit Folterqualen erfüllt; wir kennen unser Verlangen nur als Konflikt, und deshalb haben wir ihm so viele Grenzen gesteckt. Unsere Wünsche sind immer eng, begrenzt, kleinlich, mittelmäßig: wir wollen ein Auto, wir wollen schöner werden, wir wollen etwas erreichen. Mein Gott, wie kleinlich all das ist! Und ich möchte gern wissen, ob es nicht auch ein Verlangen ohne Qual, ohne Hoffnung und Verzweiflung gibt? Es gibt es. Man kann es aber nicht verstehen, solange die Wünsche noch Konflikte erzeugen. Besteht einmal völliges Verständnis für das Verlangen, für seine Beweggründe und Qualen, für alle Selbstverleugnung, Disziplin und schwere Arbeit, die man damit durchmacht, hat man all das begriffen und aufgelöst, so dass es ganz verschwunden ist – dann ist vielleicht unser Verlangen etwas vollkommen anderes. Vielleicht ist es Liebe. Und die Liebe kann ihre eigene Ausdrucksform haben. Liebe kennt kein Morgen und denkt nicht an die Vergangenheit; das bedeutet aber, dass unser Denken keinen Einfluss auf die Liebe hat. Ich weiß nicht, ob Sie je beobachtet haben, wie sich unser Gehirn ständig in die Liebe einmischt; es sagt, Liebe müsse ehrbar sein, es teilt sie in göttliche und sündhafte Liebe ein, es versucht unaufhörlich, sie zu formen, zu beherrschen, sie dem Schema der Gesellschaft oder seiner eigenen Erfahrung anzupassen.

Es gibt jedoch einen Zustand der Zuneigung oder Liebe, bei dem sich unser Denken nicht einmischt, und vielleicht lässt sich solche Liebe finden. Warum aber vergleichen? Wozu fragen: gleicht der Zustand diesem oder jenem?

Ich weiß nicht, ob Sie je einen Regentropfen beobachtet haben, der vom Himmel fällt. Dieser eine Tropfen ist seiner Natur nach dasselbe wie das Wasser, das man trinkt, wie alle Flüsse und alle Meere. Doch der eine Tropfen denkt nicht daran, dass er einmal zum Fluss werden könne. Er fällt nur herunter – ganz und vollkommen. In derselben Weise ist unser Denken vollkommen, wenn es durch Selbsterkenntnis gegangen ist. In solchem Zustand gibt es kein Vergleichen. Etwas Schöpferisches ist nicht vergleichbar; und weil es zerstörend wirkt, trägt es nichts von dem Alten in sich.

Man muss also tatsächlich – nicht wörtlich oder intellektuell – von jetzt an bis in alle Ewigkeit dem Lauf der Selbsterkenntnis folgen, denn Selbsterkenntnis geht nie zu Ende. Und da sie kein Ende nimmt, hat sie auch keinen Anfang: sie ist in der Gegenwart.

Da ist noch etwas, worüber ich sprechen möchte, nämlich warum man immer anbeten will. Sie wissen, dass wir alle gern Symbole verehren, wie zum Beispiel Jesus oder Buddha. Weshalb? Ich kann Ihnen eine Menge Erklärungen geben: Sie wollen sich mit etwas Höherem identifizieren, oder sich dem hingeben, was Sie für wahr halten, oder sich in der Gegenwart von etwas Heiligem aufhalten, und so weiter. Doch wenn unser Denken anbetet, stirbt es ab und verfällt. Ob Sie nun den Helden, der zum Mond fliegt, verehren, den Helden der Gegenwart, der Vergangenheit oder den, der auf dem Podium sitzt – es ist ganz gleich; wenn Sie verehren, kann das Schöpferische nie in Ihr Dasein treten, es kann sich Ihnen nicht nähern. Wenn man diesen außerordentlichen Zustand nicht kennt, muss man ewig weiter leiden. Hat man indessen das Problem der Verehrung verstanden, dann fällt es von einem ab wie ein Blatt im Herbst; dann kann das Denken ohne Grenzen fortschreiten.