Saanen 1961, Rede 8 – Teil 1

Gestern sprachen wir über den Verlauf des Meditierens, wie unser Denken, wenn es frei ist, tief in sich selber eindringen kann. Heute morgen würde ich gern mehrere Dinge betrachten; zuerst Furcht und dann Zeit und Tod. Ich glaube, dass sie alle drei zusammenhängen, und dass wir ohne Verständnis für eins davon auch die andern nicht verstehen können. Solange wir den Ablauf der Furcht nicht vollkommen begreifen, können wir kaum erfassen, was Zeit ist; und während wir den Begriff der Zeit untersuchen, können wir gleichzeitig das außerordentliche Thema des Todes behandeln. Der Tod ist eine sehr merkwürdige Tatsache, wie es auch das Leben in seiner Fülle, Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit ist. Zweifellos bringt der Tod eine neue, frische und unschuldige Eigenschaft mit sich. Um aber dieses gewaltige Thema begreifen zu können, muss man offenbar frei von Furcht sein.

Jeder einzelne Mensch hat viele Probleme, nicht nur äußerlich, sondern auch im Innern, und die inneren Probleme überwiegen die äußeren. Wenn wir in unsere inneren Probleme eindringen und sie verstehen, werden die äußeren ziemlich klar und einfach. Doch sind die äußeren Probleme von den inneren nicht sehr verschieden. Es sind dieselben Bewegungen wie bei Ebbe und Flut, wenn das Wasser heraufkommt und wieder zurückweicht; und solange wir nur die nach außen gerichtete Bewegung beobachten und dabei bleiben, werden wir die nach innen gerichtete nicht verstehen. Ebenso wenig können wir die innere begreifen, wenn wir dem Verständnis für die äußere nur zu entfliehen suchen oder es aufgeben; denn es ist ein und dieselbe Bewegung, die wir innere und äußere nennen.

Die meisten von uns sind darin geschult, die nach außen gerichtete Bewegung zu beobachten; unsere Probleme in dieser Richtung nehmen immer mehr zu; aber ohne Verständnis für diese Probleme ist das Betrachten der inneren Regungen nicht möglich.

Unglücklicherweise haben wir sowohl äußere Probleme -nämlich gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische, religiöse und so weiter – wie auch innerliche, zum Beispiel was wir tun sollen, wie wir uns verhalten, oder wie wir auf die verschiedenen Herausforderungen des Lebens reagieren sollen. Es scheint, als ob alles, was wir äußerlich oder innerlich anrühren, mehr Probleme, mehr Leid und Verwirrung schafft. Ich glaube, es ist ziemlich deutlich für alle Menschen, die beobachten, wahrnehmen und leben, dass alles, was wir mit unsern Händen, unserm Denken oder unserm Herzen berühren, unsere Probleme nur vermehrt; es entsteht größeres Leid und größerer Aufruhr. Ich glaube aber auch, dass wir alle unsere Probleme verstehen können, wenn wir die Furcht begreifen.

Ich gebrauche das Wort ›Verständnis‹ hier nicht rein wörtlich oder intellektuell; ich spreche vielmehr von dem Zustand des Verstehens, der eintritt, wenn wir eine Tatsache nicht nur mit den Augen wahrnehmen, sondern innerlich sehen oder erkennen. Das Sehen einer Tatsache geschieht indessen in einem Zustand, in dem keine Rechtfertigung oder Verurteilung mehr stattfindet, nur reine Beobachtung ohne jede Auslegung; denn alle Auslegung verzerrt. Verständnis tritt unmittelbar ein, wenn man nicht rechtfertigt, verurteilt oder erklärt.

Das ist schwierig für die meisten Menschen, weil sie glauben, Verständnis sei eine Sache der Zeit, des Vergleichens und Ansammelns von mehr Wissen und Kenntnissen. Aber Verständnis erfordert nichts dergleichen. Es erfordert nur eins: direkte Wahrnehmung, direktes Sehen ohne jedes Auslegen oder Vergleichen. Ohne das Verständnis für Furcht müssen also unsere Probleme unvermeidlich zunehmen.

Was ist aber Furcht? Jeder Mensch hat seine eigenen, besonderen Ängste. Man kann sich vor vielen Dingen fürchten: vor der Dunkelheit, vor der öffentlichen Meinung, vor dem Tode, oder davor, keinen Erfolg im Leben zu haben, vor Enttäuschung, vor der Unfähigkeit, sich zu erfüllen, vor mangelnder Begabung oder der eigenen Minderwertigkeit. Bei jeder Wendung unseres Denkens begegnen wir der Furcht, jedes bewusste oder unbewusste Flüstern unserer Gedanken erzeugt das bedrohliche Etwas, Furcht genannt.

Was ist also Furcht? Bitte, legen Sie sich einmal selber die Frage vor. Ist Furcht etwas an sich, ohne jede Beziehung, isoliert, oder ist sie immer an etwas gebunden? Ich hoffe, Sie verstehen, was ich meine; denn wir wollen hier keine Psychoanalyse anwenden. Wir versuchen herauszufinden, ob es möglich ist, sich ganz von Furcht zu befreien – nicht Stück für Stück, sondern ganz und vollständig. Dazu müssen wir untersuchen, was Furcht eigentlich ist, und wie sie entsteht, und müssen unser Denken erforschen, bewusstes wie unbewusstes, das heißt die tieferen Schichten unseres Daseins. Die Untersuchung des Unterbewusstseins darf zweifellos kein Vorgang der Analyse sein; denn wenn man analysiert, gibt es immer einen Beobachter, einen Analytiker und infolgedessen herrscht Teilung, Verschiedenheit und also Konflikt.

Ich möchte nun untersuchen, wie Furcht entsteht. Ich weiß nicht, ob wir uns unserer eigenen Ängste bewusst sind, und wie wir ihrer gewahr werden. Sind wir uns nur des Wortes ›Furcht‹ bewusst, oder stehen wir in direkter Beziehung zu dem, was Furcht hervorruft? Tritt das, was unsere Furcht erzeugt, stückweise auf oder als ein Ganzes in verschiedenen Ausdrucksformen? Während ich mich vor dem Tode fürchte, können Sie sich vor Ihrem Nachbarn oder der öffentlichen Meinung fürchten, und ein anderer vielleicht vor dem Beherrscht-Werden durch seinen Ehepartner; aber die Ursache muss immer die gleiche sein. Es gibt doch bestimmt nicht mehrere   verschiedene Ursachen, die verschiedene Arten von Furcht auslösen. Kann aber das Aufdecken der Ursache aller Furcht unser Denken von ihr befreien? Wenn ich zum Beispiel weiß, dass ich mich vor der öffentlichen Meinung fürchte, wird mein Denken dadurch frei von Furcht? Das Entdecken der Ursache bedeutet noch nicht Freiheit von Furcht.

Bitte versuchen Sie, dies zu begreifen. Wir haben keine Zeit, in Einzelheiten zu gehen, da wir heute morgen ein großes Gebiet zu behandeln haben.