Saanen 1961, Rede 8 – Teil 2

Kann die Kenntnis der Ursache oder der zahlreichen Ursachen der Furcht unser Denken von ihr befreien, oder ist ein anderer, wesentlicher Umstand dazu nötig?

Wenn man mit der Untersuchung der Furcht beginnt, muss man nicht nur seine äußerlichen Reaktionen, sondern auch sein Unterbewusstsein beobachten. Ich gebrauche hier das Wort ›unterbewusst‹ in sehr einfacher Weise, nicht philosophisch, psychologisch oder analytisch. Das Unterbewusste ist die Gesamtheit unserer verborgenen Beweggründe, heimlicher Gedanken, geheimer Wünsche, Dränge, Triebe und Verlangen. Wie aber soll man sein Unterbewusstsein untersuchen oder beobachten? Es ist verhältnismäßig einfach, das Bewusstsein mit Hilfe seiner Reaktionen von Neigung und Abneigung, Schmerz und Freude zu betrachten; wie soll man aber sein Unterbewusstsein untersuchen ohne Hilfe eines andern Menschen? Denn der andere, der einem hilft, kann bevorurteilt und begrenzt sein, so dass er alles, was er erklärt, auch verzerrt. Wie soll man also das gewaltige Etwas, das wir unser verborgenes Denken nennen, ohne Erklärung untersuchen – wie kann man es betrachten, in sich aufnehmen und als ein Ganzes, nicht nur Stück für Stück, begreifen? Denn wenn man versucht, es stückweise zu erforschen, wird jede einzelne Untersuchung ihren Stempel hinterlassen, und mit diesem Stempel geht man an das nächste Bruchstück heran und treibt damit die Verzerrung immer weiter. Durch Analyse kann also niemals Klarheit kommen. Verstehen Sie, wovon ich spreche?

Wir können zweifellos erkennen, dass das Aufdecken der Ursache unserer Furcht uns nicht von ihr befreien wird, und dass Analysieren es auch nicht tun kann. Vielmehr muss umfassendes Verständnis herrschen; das gesamte Unterbewusstsein muss vollkommen enthüllt werden, und wie soll man das anfangen? Sehen Sie das Problem?

Sicherlich kann man das Unterbewusstsein nicht mit dem bewussten Denken betrachten. Unser bewusstes Denken ist jung; jung in dem Sinne, dass es bedingt worden ist, sich seiner Umgebung anzupassen. Es ist durch Erziehung erst vor kurzem dazu ausgebildet worden, sich eine Technik anzueignen, damit man leben und seinen Lebensunterhalt verdienen kann; es hat Gedächtnis entwickelt, damit man imstande ist, ein oberflächliches Leben in der Gesellschaft, die im wesentlichen verdorben und dumm ist, zu führen. Das bewusste Denken kann sich angleichen, und es ist seine Aufgabe, es zu tun. Ist es unfähig, sich der Umwelt anzupassen, so entsteht eine Neurose oder ein Zustand des Widerspruchs und so weiter. Aber das gebildete, junge Denken kann unmöglich unser Unterbewusstsein erforschen, das so alt ist und das Vermächtnis von Zeit und allen Erfahrungen der Rasse darstellt. Das Unterbewusstsein ist der Speicher unbegrenzten Wissens um Dinge, die gewesen sind; wie soll das bewusste Denken es also betrachten? Es kann es nicht betrachten, weil es durch die jüngsten Kenntnisse, Ereignisse, Erfahrungen und Studien, durch Ehrgeiz und Anpassung beeinflusst und begrenzt ist. Daher kann das bewusste Denken unmöglich das Unterbewusstsein untersuchen, und ich glaube, das ist ziemlich leicht zu begreifen. Bitte, es ist keine Angelegenheit der Zustimmung oder Ablehnung; es hat keinen Sinn zu sagen: »Sie haben recht« oder »Sie haben unrecht«; dann sind wir verloren. Wenn man die Bedeutung der gesprochenen Worte unmittelbar erkennt, gibt es keine Zustimmung oder Ablehnung, weil man dann selber untersucht.

Was ist aber nun erforderlich, um in das Unterbewusstsein einzudringen, um alle Rückstände hervorzuholen und es vollkommen heilen zu lassen, damit keine neuen Konflikte und Widersprüche mehr geschaffen werden? Wie soll man bei der Untersuchung des Unterbewusstseins vorgehen, wenn man genau weiß, dass weder das gelehrte Denken noch ein Analytiker mit seiner stückhaften Methode imstande ist, es zu betrachten? Wie soll man an das außerordentliche Etwas herangehen, das so unendlich große Schätze enthält, das ein Lagerraum von Erfahrungen, von Einflüssen der Rasse und des Klimas, von Tradition und beständigen Eindrücken ist – wie kann man all das ans Licht bringen? Soll man es stückweise tun, oder als Ganzes? Wenn Sie das Problem nicht verstehen, hat alle weitere Untersuchung keinen Sinn. Ich versuche hier folgendes auszudrücken: will man sein Unterbewusstsein stückhaft untersuchen, so nimmt es kein Ende; denn gerade der Umstand, dass man stückweise forscht und auslegt, muss die Schichten des verborgenen Denkens immer wieder bestärken. Es muss also als Gesamtheit untersucht werden. Liebe ist doch auch nicht zersplittert; sie lässt sich nicht in göttliche und weltliche zerlegen und nicht in verschiedene Stufen der Ehrbarkeit einteilen. Liebe ist etwas Einheitliches, und wer die Liebe zergliedert, kann nie erfahren, was sie ist. Will man Liebe fühlen und verstehen, so darf man sie nicht stückweise betrachten.

Wenn das nun vollkommen klar ist: dass man nämlich ein Ganzes nicht durch seine Teile verstehen kann, dann hat eine Veränderung stattgefunden, nicht wahr? Ich weiß nicht, ob Sie auf meinen Punkt eingehen?

Man muss sich also dem Unterbewusstsein auf negative Weise nähern, weil man nicht weiß, was es ist. Wir kennen alles, was andre Leute darüber gesagt haben, und wissen auch gelegentlich etwas aus eigener Erfahrung oder durch Andeutungen. Wir kennen aber keineswegs alle Wendungen und Krümmungen, alle außerordentlichen Eigenschaften und alle Wurzeln des Unterbewusstseins. Wollen wir daher das Unbekannte begreifen, so müssen wir auf negative Weise und ohne Antwort zu suchen, an es herangehen.