Saanen 1961, Rede 8 – Teil 3

Neulich sprachen wir über positives und negatives Denken. Ich sagte, dass negatives Denken die höchste Denkform sei, und dass alles Denken – positives wie negatives – Grenzen habe. Positives Denken ist niemals frei, doch das negative kann es sein. Daher steht das negative Denken beim Betrachten des Unterbewusstseins, das es nicht kennt, in direkter Beziehung zu ihm.

Bitte, das soll kein seltsamer, neuer Kult, keine neue Denkungsart sein – es wäre unreif und kindisch, es so zu betrachten. Will man seine eigene Furcht untersuchen und sich nicht nur teilweise, sondern vollkommen von ihr befreien, so muss man die Tiefen seines Denkens erforschen, aber die Untersuchung kann kein positiver Vorgang sein. Es gibt kein Instrument, das unser oberflächliches Denkvermögen schaffen oder herstellen kann, um damit zu graben. Man kann nichts anderes tun, als still zu sein, all sein Wissen, seine Fähigkeiten und Talente freiwillig und mühelos beiseitezusetzen und sich von aller Technik freizumachen. Tut man das, so befindet man sich in einem negativen Zustand; und um es zu tun, muss man sein Denken verstehen lernen.

Bringt unser Denken – die Gesamtheit unseres Denkens, nicht nur ein oder zwei Gedanken — nicht alle Furcht hervor? Wenn es kein Morgen oder keinen nächsten Augenblick gäbe, würde man dann Furcht haben? Das Aufgeben allen Denkens bedeutet das Ende der Furcht. Und das ganze Bewusstsein ist Denken.

So kommen wir zu dem, was man Zeit nennt. Was ist Zeit? Gibt es überhaupt Zeit? Es gibt die Zeit, die wir mit der Uhr messen; aber wir glauben, es gäbe auch innerliche, psychologische Zeit. Gibt es aber Zeit, abgesehen von der chronologischen? Unser Denken schafft nämlich Zeit, weil es das Ergebnis von Zeit, von vielen Gestern ist. »Ich bin etwas gewesen; ich bin jetzt anders, und werde noch anders werden.« Um zum Mond zu gelangen, braucht man Zeit; es erfordert viele Tage und Monate, eine Rakete zusammenzusetzen; und man braucht auch Zeit, um zu lernen, wie man sie zusammensetzen soll. Aber all das ist mechanische Zeit, Zeit nach der Uhr. Bei der Fahrt zum Mond ist auch Entfernung miteinbegriffen, und Entfernung liegt ebenfalls auf dem Gebiet der Zeit, der Stunden, Tage, Monate. Gibt es aber noch eine andere Zeit außer dieser? Unser Denken hat zweifellos Zeit erschaffen. Wir denken zum Beispiel: ich muss intelligenter werden, ich muss sehen, wie ich mit wetteifern kann, ich muss versuchen, Erfolg zu haben; wie kann ich zu Ansehen gelangen, wie soll ich meinen Ehrgeiz, meine Furcht und Rohheit unterdrücken?

Dies beständige Denken, das einen Teil unseres mechanischen Gehirns ausmacht, erzeugt Zeit. Gibt es aber Zeit? Können Sie mir folgen? Wenn alles Denken aufhört, besteht dann noch Furcht? Nehmen Sie einmal an, ich fürchte mich vor der öffentlichen Meinung, vor dem, was die Leute von mir sagen und denken werden; aber gerade meine Gedanken darüber erzeugen doch die Furcht. Gäbe es kein Denken, so wäre mir die öffentliche Meinung ganz gleichgültig, und ich hätte keine Furcht. Ich fange also an zu entdecken, dass Denken Furcht erzeugt, und dass Denken ein Ergebnis der Zeit ist. Und unser Denken als Ergebnis vieler Gestern, beeinflusst durch alle Erlebnisse der Gegenwart, schafft auch die Zukunft – die immer noch Denken darstellt.

Der gesamte Inhalt unseres Bewusstseins ist also ein Denkvorgang und daher innerhalb der Zeit begrenzt. Ich hoffe, Sie können dem folgen.

Kann sich nun unser Denken von Zeit befreien? Ich spreche nicht davon, sich von chronologischer Zeit freizumachen, das wäre geistig unausgeglichen oder wahnsinnig. Ich spreche vielmehr von Zeit als Leistung, Erfolg, als ein Ziel für morgen, als Werden und Nicht-Werden, als Erfüllung und Enttäuschung, als ein Ablegen und Neuerwerben. Das Problem lautet also: kann das Denken, das unser gesamtes, offenbartes und verborgenes Bewusstsein darstellt, vollkommen absterben, zu bestehen aufhören? Wenn das geschieht, hat man das Bewusstsein in seiner Gesamtheit verstanden.

Sterben heißt also, seinem Denken gegenüber abzusterben – dem Denken, das Freude und Leid kennt, dem Denken, das Tugenden und Beziehungen gekannt hat, das etwas geworden ist und mancherlei Ausdrucksformen gefunden hat, immer auf dem Gebiet der Zeit. Das ist vollkommenes Sterben. Ich spreche hier nicht von dem mechanischen, organischen Tode, vom körperlichen Sterben. Ärzte werden vielleicht Mittel erfinden, die es dem Körper ermöglichen, sein organisches Dasein auf hundertundfünfzig oder zweihundert Jahre auszudehnen – Gott weiß wofür, aber das ist hier belanglos. Wichtig ist nur das Sterben, worin keine Furcht liegt.

Kann also unser Denken alles aufgeben, was es kennt, das heißt die Vergangenheit und auch den Tod? Denn wir fürchten uns alle vor dem Tode, dem plötzlichen Aufhören, ohne dass wir gefragt werden. Mit dem Tod lässt sich nicht diskutieren: er ist das Ende. Und zu enden, bedeutet seinem Denken und damit der Zeit gegenüber abzusterben.