Saanen 1961, Rede 8 – Teil 4

Ich weiß nicht, ob Sie je Versuche damit angestellt haben. Es ist verhältnismäßig leicht, sein Leiden aufzugeben; jeder Mensch versucht das. Sollte es aber nicht möglich sein, auch seine Freuden aufzugeben, alle Dinge, die man geschätzt hat, alle Erinnerungen, die anregen und einem das Gefühl des Wohlseins verleihen – das heißt, allem gegenüber abzusterben, was innerhalb der Zeit liegt? Wenn Sie es je getan haben oder darauf eingegangen sind, müssen Sie bemerkt haben, dass dann der Tod eine ganz andere Bedeutung bekommt als die des Verfalls.

Wissen Sie, diese Dinge geben wir nie auf; statt dessen verfallen, verderben, entarten und vergehen wir von einem Augenblick zum andern. Zu sterben bedeutet, keine Fortsetzung des Denkens mehr zu haben. Vielleicht antworten Sie mir: »Das ist sehr schwer, und wenn man es erreicht hat, welchen Wert hat es dann?« Es ist durchaus nicht schwer, aber man braucht gewaltige Energie dazu. Es erfordert einen jungen, frischen und furchtlosen Sinn, der infolge seiner Beschaffenheit frei von Zeit ist. Und welchen Wert hat es? Vielleicht keinen Nützlichkeitswert. Das Denken und damit Zeit aufzugeben, heißt das Schöpferische zu entdecken – das jede Sekunde alles zerstören und alles wieder neu erschaffen kann. Hierin liegt keine Entartung, kein Verfall. Es ist nur unser Denken, das entartet – das Denken, das einen Mittelpunkt als unser ›Ich‹ und ›Nicht-Ich‹ schafft – nur das kennt Verfall.

Also, alles aufzugeben, was unser Denken angesammelt und erfahren hat, augenblicklich alles einzustellen, bedeutet Schöpfung ohne Fortdauer. Alles, was sich fortsetzt, verfällt. Ich weiß nicht, ob Sie das beständige Verlangen nach Fortdauer bei den meisten Menschen schon bemerkt haben, zum Beispiel das Verlangen nach der Fortsetzung bestimmter Beziehungen, zwischen Mann und Frau, Vater und Sohn und so weiter. Jede Beziehung, die anhält, verblüht, stirbt ab und wird wertlos. Doch sobald man Fortdauer aufgibt, wird alles neu und frisch.

Unser Denken kann also direkt erfahren, was Sterben ist, und das ist etwas ganz Außerordentliches. Die meisten Menschen wissen nicht einmal, was Leben ist, und daher auch nicht, was Sterben bedeutet. Wissen wir denn, was es heißt zu leben? Wir kennen unsere Kämpfe und unsern Neid, wir kennen die Brutalitäten unseres Daseins, die allgemeine Rohheit, wir kennen unsern Hass und Ehrgeiz, unsere Verdorbenheit und unsere Konflikte – all das kennen wir, es ist unser Leben. Doch den Tod kennen wir nicht, daher fürchten wir uns vor ihm. Wenn wir wüssten, was leben heißt, würden wir vielleicht auch wissen, was sterben ist. Leben ist eine zeitlose Bewegung, innerhalb derer unser Sinn nicht mehr ansammelt. Im Augenblick, da man ansammelt, befindet man sich bereits im Zustand des Verfalls; denn um jedes noch so große oder kleine Erlebnis errichtet man sogleich eine Sicherheitsmauer.

Wenn man also weiß, was leben bedeutet, so heißt es, jeden Augenblick alles, was man erworben hat, alle inneren Freuden und Leiden aufgeben zu können, und zwar nicht im Verlauf von Zeit, sondern unmittelbar, wenn alles auftritt. Ist man einmal soweit vorgedrungen, so wird man bemerken, dass der Tod dem Leben gleicht. Dann ist das Leben nicht mehr abseits vom Sterben, und dadurch entsteht ein außerordentliches Empfinden der Schönheit. Diese Schönheit ist jenseits von Denken und Fühlen, sie lässt sich weder zusammenstellen noch beim Malen eines Bildes, beim Schreiben eines Gedichts oder Spielen eines Instruments anwenden. All das ist unwichtig. Es gibt eine Schönheit, die zu Tage tritt, wenn Leben und Tod dasselbe, wenn sie gleichbedeutend sind; denn Leben und Tod lassen unsern Sinn reich, umfassend und einheitlich zurück.

Wollen Sie jetzt darüber diskutieren oder Fragen stellen?

Es scheint, als ob einige von Ihnen so schnell mit Fragen bei der Hand sind, dass ich gern wüsste, ob Sie wohl dem Redner zugehört haben? Haben Sie zugehört, oder haben Sie sich damit beschäftigt, Ihre Fragen zu formulieren? Verstehen Sie, was ich meine? Sie waren schon dabei, Ihre Fragen in Worte zu kleiden, und können daher kaum zugehört haben. Bitte, glauben Sie mir, ich will nicht grob sein, sondern nur etwas aufzeigen. Wenn Sie diesem Gespräch zugehört hätten, wären Ihre Fragen schon beantwortet.