Saanen 1961, Rede 8 – Fragen

Frage: Kann durch das Erforschen der Furcht nicht die Gefahr der Geisteskrankheit entstehen?

Krishnamurti: Kann es eine größere Gefahr für Geisteskrankheit geben als bei der geistigen Einstellung, mit der wir heute leben? Verzeihen Sie, dass ich darauf hinweise, aber sind wir nicht alle ein wenig geistig gestört? Ich möchte nicht unhöflich sein und habe auch nicht die Absicht oder die Idee, über Sie zu urteilen. Aber heutzutage ist jedermann so außerordentlich besorgt über die wachsende Gefahr der Geisteskrankheiten. Wissen Sie, was uns krank macht? Nicht die Untersuchung der Furcht. Kriege, Kommunismus, religiöse Blindgläubigkeit, Ehrgeiz, Wettbewerb, Snobismus – diese Dinge sind die Anzeichen von Geisteskrankheit in einem Menschen. Die Untersuchung der Furcht und die vollkommene Befreiung des Denkens von ihr ist höchste geistige Gesundung. Deutet diese Frage nicht darauf, dass wir die gegenwärtige Gesellschaftsform für etwas Wunderbares halten? Wahrscheinlich sind Menschen mit einem guten Bankkonto und einigem Wohlstand der Ansicht, alles sei in Ordnung, und wollen nicht gern gestört werden. Das Leben ist jedoch beunruhigend und zerstörend, und davor fürchten wir uns. Es interessiert uns nicht, zu leben oder frei von Furcht zu werden, wir wollen nur eine Ecke finden, wo wir uns sicher und bequem zurückziehen und in Ruhe verkommen können. Das sind nicht leere Phrasen, es ist unser inneres, geheimes Verlangen. Wir suchen nach solcher Sicherheit in jeder einzelnen Beziehung. Wie viel Eifersucht und Neid gibt es doch in unsern Beziehungen! Wie viel Hass, wenn sich die Frau vom Manne abwendet, oder der Mann mit einer andern davongeht. Wie wir immer nach Billigung der Gesellschaft und dem Segen der Kirche streben! Alles zusammen muss zweifellos zur Entartung und Zerstörung der gesunden Vernunft führen.

Bemerkung: Diese Dinge sind noch ganz neu für uns, und ich glaube, wir müssen damit fortfahren.

Krishnamurti: Sie können nicht damit fortfahren. Wenn Sie das tun, sind es nichts als Ideen für Sie, und Ideen können nie etwas Neues schaffen. Ich habe über die völlige Zerstörung von all dem gesprochen, was sich unser Denken innerlich aufgebaut hat. Zerstörung lässt sich nicht fortsetzen, sonst wird sie nur wieder zum Aufbau, zum Gebäude, das wieder zerstört werden muss. Wir brauchen einen neuen, frischen Sinn, ein neues Herz, Unschuld und junges entschiedenes Denken; dazu muss zerstört werden; und es muss eine Schöpfung entstehen, die ewig neu ist.