Saanen 1961, Rede 9 – Teil 1

Heute ist unsere letzte Zusammenkunft. Im Lauf dieser Gespräche haben wir eine Menge Themen behandelt, und ich glaube, wir sollten uns heute morgen damit befassen, was religiöses Denken ist. Ich möchte gern so tief wie möglich darauf eingehen, denn ich habe das Gefühl, dass wir nur mit solchem Denken alle unsere Probleme lösen können – nicht nur die politischen und wirtschaftlichen, sondern auch die viel grundlegenderen Probleme des menschlichen Daseins. Bevor wir darangehen, müssen wir meiner Ansicht nach wiederholen, was wir schon früher gesagt haben: ein Mensch mit ernsthaftem Denken ist willens, den Dingen bis auf den Grund zu gehen und herauszufinden, was wahr und was falsch ist; er hört nicht auf halbem Wege auf und lässt sich durch keine anderen Überlegungen ablenken. Ich hoffe, dass unsere Zusammenkünfte genügend erwiesen haben, dass wenigstens ein paar Menschen ernst genug und dazu fähig sind.

Wahrscheinlich sind wir alle mit der gegenwärtigen Weltlage gut vertraut, und man braucht uns nichts mehr zu sagen über Betrug und Verdorbenheit, über gesellschaftliche und wirtschaftliche Unzulänglichkeiten, über drohende Kriegsgefahr oder die beständigen Drohungen des Ostens gegen den Westen, und so weiter. Will man die ganze Verwirrung verstehen und Klarheit herbeiführen, so scheint es mir, dass eine grundlegende Veränderung in unserm eigenen Denken, nicht nur Flickwerk-Reform oder bloße Anpassung stattfinden muss. Um sich durch all die Verwirrung durchzuarbeiten, die nicht nur außerhalb von uns, sondern auch in uns besteht, um sich mit den wachsenden Spannungen und steigenden Anforderungen auseinander zu setzen, braucht man eine gründliche Revolution in seinem Wesen, braucht man einen vollkommen anders eingestellten Sinn.

Für mich ist Revolution gleichbedeutend mit Religion. Mit dem Wort ›Revolution‹ meine ich nicht unmittelbare, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Veränderungen, sondern eine Umwälzung in unserm Bewusstsein. Alle anderen Formen der Revolution, sei es kommunistische oder kapitalistische oder was Sie wollen, sind nichts als reaktionäre Ereignisse. Eine Revolution im Geiste, die eine vollkommene Zerstörung alles Vergangenen bedeutet, damit man fähig wird, das Wahre ohne Verzerrung, ohne Illusion zu erkennen – das ist charakteristisch für Religion. Ich glaube, dass es wahrhaft religiöses Denken gibt. Und ich glaube auch, dass man solches Denken selber entdecken kann, wenn man wirklich tief darauf eingeht. Hat unser Denken alle Schranken und alle Lügen, die ihm durch die Gesellschaft, durch Religionen, Dogmen oder Glaubenssätze auferlegt worden sind, beseitigt und zerstört, geht es darüber hinaus, um Wahrheit zu finden, so ist es im wahren Sinne religiös.

Lassen Sie uns also zuerst auf das Problem der Erfahrung eingehen. Unser Gehirn ist das Ergebnis jahrhundertealter Erfahrung, es ist der Lagerraum unseres Gedächtnisses. Ohne unser Gedächtnis, ohne unsere Ansammlung von Erfahrung und Wissen wären wir überhaupt nicht imstande, als menschliche Wesen zu  funktionieren.  Erfahrung  und Gedächtnis sind auf einer bestimmten Ebene offenbar nötig. Aber ich glaube, es ist auch ziemlich deutlich, dass alle Erfahrung, die sich auf die Bedingtheit von Wissen und Gedächtnis stützt, notwendigerweise begrenzt sein muss. Daher kann Erfahrung nicht der befreiende Faktor sein. Ich weiß nicht, ob Sie je darüber nachgedacht haben.

Jede Erfahrung wird durch vergangene Erfahrungen beeinflusst; daher gibt es keine neuen Erfahrungen, sie sind alle durch die Vergangenheit gefärbt. Im Vorgang des Erlebens findet schon eine Verzerrung statt, die aus der Vergangenheit entsteht; und die Vergangenheit setzt sich zusammen aus Wissen, Gedächtnis und den verschiedenen, angesammelten Erfahrungen des Einzelnen, der Rasse und der Gemeinschaft. Ist es nun möglich, all diese Erfahrungen zu verleugnen?

Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal auf das Thema des Verleugnens eingegangen sind, nämlich was es heißt, einer Sache entgegenzutreten. Es bedeutet die Fähigkeit, alle Autorität von Wissen, Erfahrung und Gedächtnis in Abrede zu stellen; es bedeutet, dem Geistlichen und der Kirche und allem, was unserm Geiste auferlegt ist, entgegentreten zu können. Für die meisten Menschen gibt es nur zwei Wege, dies zu tun – einerseits durch Wissen und andrerseits durch Reaktion. Man wird die Autorität des Geistlichen, der Kirche, des geschriebenen Wortes oder der Bücher entweder bestreiten, weil man studiert, geforscht und andere Kenntnisse erworben hat; oder aber weil es einen nicht anspricht und man aus diesem Grunde dagegen reagiert. Wahres Verleugnen dagegen bedeutet, etwas in Abrede zu stellen, ohne zu wissen, was geschehen wird, ohne Hoffnung auf die Zukunft, nicht wahr? Zweifellos liegt die einzig wahre Form der Verneinung in den Worten: Ich weiß nicht, was wahr ist, aber dies ist falsch; denn solche Ablehnung geschieht weder aus berechnendem Wissen noch aus Reaktion. Schließlich, wenn man im voraus weiß, wohin die Ablehnung führen wird, ist sie nichts als ein Austausch, eine Art Kuhhandel und daher keine wahre Verneinung mehr.

Ich finde, wir müssen das zuerst verstehen und etwas tiefer darauf eingehen, denn ich möchte jetzt durch Ablehnen oder Verleugnen untersuchen, was religiöses Denken ist. Ich bin der Meinung, dass man durch Verneinung herausfinden kann, was wahr ist. Durch das Aufstellen von Behauptungen kann man es nicht. Man muss das Bekannte vollkommen beiseitesetzen, ehe man mit dem Untersuchen beginnen kann.