Saanen 1961, Rede 9 – Teil 2

Wir wollen also durch Ablehnung, das heißt durch Verneinung oder negatives Denken untersuchen, was mit einem religiösen Sinn gemeint ist. Und offenbar kann die negative Untersuchung nicht stattfinden, wenn sich unsere Ablehnung auf Wissen oder Reaktion stützt. Ich hoffe, das ist klar. Wenn ich nämlich die Autorität des Geistlichen, der Bücher oder der Tradition in Abrede stelle, weil sie mich nicht anspricht, dann habe ich nur eine Reaktion und werde etwas anderes an deren Stelle setzen; und wenn ich alles ableugne, weil ich genügend Wissen, Tatsachen und Kenntnisse habe, wird mein Wissen zu einer Zuflucht. Es gibt aber eine andere Form der Ablehnung, die kein Ergebnis von Reaktion oder Wissen ist, sondern der Beobachtung, der Wahrnehmung eines Dinges an sich, der Erkenntnis einer Tatsache entspringt; und das ist wahre Verneinung, denn sie lässt das Denken von allen Annahmen, Illusionen, Autoritäten und Wünschen geläutert zurück.

Ist es nun möglich, Autorität abzuleugnen? Ich meine damit nicht die Autorität des Polizisten oder des Landesgesetzes und so weiter; das wäre töricht und unreif und würde uns nur ins Gefängnis bringen. Ich verstehe darunter vielmehr das Leugnen aller Autorität, die von der Gesellschaft unserm Geiste, unserm Bewusstsein auferlegt wird, und das Leugnen aller Autorität von Erfahrung und Wissen; ohne diese wird sich unser Denken in einem Zustand befinden, in dem es nur weiß, was nicht wahr ist, aber nicht weiß, was geschehen wird. Sehen Sie, wenn Sie einmal soweit vorgedrungen sind, werden Sie ein erstaunliches Empfinden der Zusammengeschlossenheit bekommen, so dass Sie nicht mehr zwischen entgegengesetzten, unvereinbaren Wünschen hin und her gerissen werden; die Erkenntnis dessen, was wahr und was falsch ist, oder das Sehen des Wahren im Falschen wird Ihnen ein Gefühl tatsächlicher Wahrnehmung, eine gewisse Klarheit verleihen. Nach der Zerstörung aller Sicherheit und Furcht, aller ehrgeizigen und eitlen Gefühle, aller Visionen und Ziele – kurz, von allem, gelangt das Denken in einen Zustand völligen Alleinseins ohne jede Beeinflussung.

Will man die Wirklichkeit oder Gott oder wie man es auch nennen mag, entdecken, so muss das Denken sicherlich alleinstehen und unbeeinflusst sein, denn nur dann ist es rein, und reines Denken kann fortschreiten. Wenn die vollkommene Zerstörung von allem stattfindet, was das Denken sich selber zur Sicherung der Hoffnung, und auch als Widerstand gegen seine Hoffnung – in Form von Verzweiflung – aufgebaut hat, so entsteht ein furchtloser Zustand, worin es keinen Tod gibt. Sobald das Denken alleinsteht, ist es vollkommen aufs Leben eingestellt, und dabei kann es in jeder Minute sterben; daher gibt es für solches Denken keinen Tod. Es ist wirklich ganz außerordentlich, wenn man tief darauf eingeht: man kann selber herausfinden, dass es den Tod nicht gibt. Dann besteht nur der Zustand reiner Einfachheit des Denkens, das alleinsteht.

Solches Alleinsein ist aber keine Isolierung; es bedeutet weder Flucht hinter Mauern noch Einsamkeit. Das hat man alles hinter sich gelassen, vergessen, vertrieben und zerstört. Ein solcher Mensch weiß also, was Zerstörung ist; und wir müssen Zerstörung kennen lernen, sonst werden wir nie etwas Neues finden. Wie sehr fürchten wir uns aber davor, all das, was wir gesammelt haben, zu zerstören!

Es gibt einen Sanskrit Ausspruch: »Ideen sind die Kinder unfruchtbarer Frauen«. Ich glaube, die meisten Menschen schwelgen in Ideen. Vielleicht halten Sie diese Gespräche auch nur für einen Gedankenaustausch – sei es, um neue Ideen anzunehmen und alte fahren zu lassen, oder um neue Ideen zu verwerfen und an den alten festzuhalten. Wir haben es jedoch hier überhaupt nicht mit Ideen zu tun. Wir behandeln Tatsachen. Und wenn man sich mit Tatsachen beschäftigt, gibt es kein Sich-Anpassen: man kann sie nur hinnehmen oder ablehnen. Sie können entweder sagen: »Diese Ideen gefallen mir nicht, ich ziehe die alten vor, ich will so weiterleben wie bisher« – oder Sie müssen sich der Tatsache anschließen. Weder Kompromiss noch Anpassung ist möglich. Zerstörung ist nicht Anpassung. Es wirkt nicht zerstörend, wenn man sich anpasst und sagt: Ich muss weniger ehrgeizig oder nicht so neidisch sein. Sicherlich muss man es als wahr erkennen, dass Ehrgeiz und Neid hässlich und dumm sind; und man muss alle diese Sinnwidrigkeiten zerstören. Liebe passt sich nie an. Nur Verlangen, Furcht oder Hoffnung wollen sich anpassen. Daher wirkt Liebe zerstörend, denn sie weist jede Anpassung oder Angleichung an ein Schema zurück.

Wir fangen also an zu entdecken, dass Schöpfung entsteht, sobald man alle Autorität zerstört, die man in seinem Verlangen nach innerer Sicherheit geschaffen hat. Zerstörung ist zugleich Schöpfung.

Wenn Sie nun alle Ideen aufgegeben haben und sich nicht länger ihrem eigenen Lebensschema oder einem neuen, das Sie für ein Werk des Redners halten, anpassen wollen, wenn Sie soweit gekommen sind, werden Sie finden, dass sich das Gehirn nur mit äußeren Dingen beschäftigen, dass es nur auf Forderungen von außen reagieren darf und muss; dadurch wird es dann vollkommen ruhig. Das bedeutet, dass die Autorität seiner Erfahrungen aufgehört hat, und es unfähig ist, neue Illusionen hervorzurufen. Um zu untersuchen, was wahr ist, muss nämlich unsere Fähigkeit, Illusionen jeglicher Art zu schaffen, ganz aufhören. Die Macht, Illusionen zu schaffen, ist zugleich unsere Macht des Wünschens, unser Ehrgeiz, die Macht unseres Verlangens, etwas Bestimmtes zu sein und etwas anderes nicht.