Saanen 1961, Rede 9 – Teil 3

Unser Gehirn muss also mit Vernunft, mit gesundem Verstand und mit Klarheit in dieser Welt funktionieren; aber im Innern muss es vollkommen ruhig werden.

Die Biologen erklären uns, dass es Millionen Jahre gedauert hat, unser Gehirn auf seine gegenwärtige Stufe zu bringen, und dass wiederum Millionen Jahre nötig sein werden, um es weiter zu entwickeln. Nun hängt aber die Entwicklung religiösen Denkens nicht von Zeit ab. Ich wünschte, Sie könnten dem folgen. Was ich sagen will, ist folgendes: wenn das Gehirn nur noch auf unser äußeres Dasein reagiert und im Innern zur Ruhe gekommen ist, gibt es kein Triebwerk mehr, das Erfahrungen und Wissen ansammelt; daher verhält es sich innerlich vollkommen still, ist aber sehr lebendig; und dann kann es Millionen Jahre überspringen.

Für religiöses Denken gibt es also keine Zeit. Zeit besteht nur in einem Zustande, in dem man sich von einer Fortsetzung zur nächsten und zu einer Leistung weiterbewegt. Hat das religiöse Denken die Autorität der Vergangenheit, alle Traditionen und alle Wertbegriffe, die ihm auferlegt worden sind, zerstört, so kann es ohne Zeit bestehen. Dann ist es voll und ganz entwickelt. Denn wenn man einmal Zeit verleugnet, hat man damit auch alle Entwicklung in Zeit und Raum abgelehnt. Bitte, das ist keine bloße Idee, es ist nichts, womit sich spielen ließe. Hat man es selber erlebt, so weiß man, was es bedeutet; wenn nicht, darf man diese Ideen nicht aufgreifen und mit ihnen spielen.

Sie werden also finden, dass Zerstörung zugleich Schöpfung ist; und in der Schöpfung gibt es keine Zeit. Schöpfung ist ein Zustand, worin das Gehirn nach der Zerstörung der Vergangenheit vollkommen ruhig geworden ist und daher nicht mehr in Zeit und Raum wachsen, sich ausdrücken oder etwas werden kann. Ein solcher schöpferischer Zustand ist nicht derselbe wie bei den wenigen begabten Menschen, den Malern, Musikern, Schriftstellern oder Architekten. Nur ein religiöser Sinn kann sich im Zustand wahrer Schöpfung befinden. Und ein religiöser Mensch gehört keiner Kirche, keinem Glauben oder Dogma an, denn das sind Bedingtheiten. Selbst wenn man jeden Morgen in die Kirche geht und etwas anbetet, ist man noch kein religiöser Mensch, obwohl die konventionelle Gesellschaft einen dafür ansehen mag. Erst die völlige Zerstörung des Bekannten macht den Menschen religiös.

Bei solcher Schöpfung entsteht ein Gefühl der Schönheit, einer Schönheit, die nicht von Menschen zusammengestellt worden ist, einer Schönheit jenseits von Denken und Fühlen. Schließlich sind Denken und Fühlen nichts als Reaktionen, und Schönheit ist keine Reaktion. Religiöses Denken hat solche Schönheit; es ist nicht nur das Wahrnehmen und Genießen der Natur, der lieblichen Berge und brausenden Ströme, sondern ein ganz anderes Schönheitsgefühl, und Hand in Hand damit geht die Liebe. Ich glaube, man kann Schönheit und Liebe nicht trennen. Sehen Sie, für die meisten Menschen ist Liebe etwas Schmerzliches, weil sie immer mit Eifersucht, Hass und Besitzgefühlen gepaart geht; doch die Liebe, von der wir sprechen, ist ein Zustand – eine Flamme ohne Rauch.

Religiöses Denken kennt also vollkommene, umfassende Zerstörung und weiß auch, was es heißt, sich in einem schöpferischen Zustand zu befinden, der sich nicht mitteilen lässt. Gleichzeitig tritt das Empfinden für Schönheit und Liebe auf, die voneinander untrennbar sind. Liebe lässt sich nicht in göttliche und körperliche zerlegen. Es ist Liebe. Mit ihr entsteht natürlich und selbstverständlich ein Gefühl der Leidenschaft. Ohne Leidenschaft kann man nicht sehr weit gehen – Leidenschaft heißt tiefes Fühlen. Es ist aber kein intensives Verlangen, etwas ändern oder tun zu wollen, keine Intensität, die eine Ursache hat und wieder verschwindet, sobald man die Ursache entfernt. Es ist kein Zustand der Begeisterung. Schönheit entsteht nur bei einfacher, strenger Leidenschaft, und da religiöses Denken sich in solchem Zustand befindet, hat es eine besondere Stärke.

Sehen Sie, Stärke bedeutet für uns immer ein Ergebnis des Willens, ein Ergebnis vieler Wünsche, die zum Strick des Willens verknotet werden. Und bei den meisten Menschen ist der Wille nichts als Widerstand. Man entwickelt Willenskraft, wenn man sich im Widerstand gegen etwas oder auf der Jagd nach einem Ergebnis befindet, und das nennt man im allgemeinen Stärke. Aber die Stärke, von der wir sprechen, hat nichts mit dem Willen zu tun. Es ist eine Stärke ohne Ursache; man kann sie nicht nutzbar machen, doch ohne sie kann nichts bestehen.

Ist man also soweit in seiner eigenen Entdeckung fortgeschritten, dann sieht man, dass religiöses Denken besteht; es gehört aber keinem Einzelwesen an. Es ist Denken, es ist religiöses Denken abseits von allen menschlichen Bestrebungen, von den Forderungen, Trieben oder Zwangsvorstellungen des Einzelnen. Wir haben hier nur die umfassende Gesamtheit solchen Denkens beschrieben, das vielleicht zersplittert erscheint infolge der vielen verschiedenen Worte, die wir gebraucht haben; es ist dagegen ein Ganzes, in dem alles enthalten ist. Daher kann religiöses Denken das empfangen, was unser Gehirn nicht messen kann. Dieses Etwas ist unnennbar; kein Tempel, kein Priester, keine Kirche, kein Dogma kann es enthalten. All das zu verleugnen und in jenem Zustand zu leben, bedeutet wahres, religiöses Denken.