Saanen 1961, Rede 9 – Fragen

Frage: Kann man religiöses Denken durch Meditieren erlangen?

Krishnamurti: Zuerst müssen Sie begreifen, dass man es nicht erlangen, nicht erwerben oder durch Meditieren erkaufen kann. Keine Tugend, kein Opfer, kein Meditieren — nichts auf der Welt kann es erkaufen. Der Wunsch nach dem Erreichen, Erlangen, Erwerben oder Kaufen muss vollkommen aufhören, ehe es entstehen kann. Man kann das Meditieren nicht benutzen. Das, wovon ich gesprochen habe, ist meditieren, es ist kein Weg zu etwas. In jedem Augenblick des täglichen Lebens zu entdecken, was wahr und was falsch ist, das ist Meditieren. Man kann sich nicht in die Meditation flüchten, man kann nicht Visionen oder alle möglichen seelischen Erregungen darin erleben – das ist Selbst-Hypnose und daher unreif und kindisch. Aber den ganzen Tag lang die Tätigkeit seines Denkens zu beobachten, das Triebwerk der Verteidigung bei der Arbeit zu sehen, Furcht, Ehrgeiz, Gier und Neid bei sich wahrzunehmen – all das zu beobachten, es dauernd zu untersuchen, das ist Meditieren, oder besser: ein Teil davon. Ohne rechte Grundlage gibt es aber kein Meditieren, und man legt die rechte Grundlage, indem man sich von Ehrgeiz, Gier, Neid und allem andern freimacht, was wir zu unserer Selbst-Verteidigung geschaffen haben. Sie brauchen sich an niemanden zu wenden, um zu lernen, was Meditieren ist, oder um eine Methode zu bekommen. Wenn ich mich selber beobachte, kann ich sehr einfach herausfinden, ob ich ehrgeizig bin oder nicht. Niemand anders braucht es mir zu sagen. Ich weiß es. Es ist aber durchaus nötig, unsern Ehrgeiz mit Wurzel, Stamm und Frucht auszureißen, ihn voll zu erkennen und ganz zu zerstören. Sehen Sie, wir wollen immer so weit fortschreiten, ohne den ersten Schritt zu tun. Sie werden bemerken, dass, wenn Sie den ersten Schritt tun, es zugleich der letzte ist. Es gibt keinen anderen Schritt.

Frage: Ist es wahr, dass wir unsern Verstand nicht gebrauchen können, um die Wahrheit zu entdecken?

Krishnamurti: Was verstehen wir unter dem Verstande? Verstand ist organisiertes Denken, wie Logik organisierte Ideen darstellt, nicht wahr? Und Denken ist begrenzt, mag es auch noch so klug, ausgedehnt und gelehrt sein. Alles Denken ist begrenzt. Sie können es selber beobachten; es ist nichts Neues. Das Denken kann niemals frei sein. Es besteht aus Reaktionen oder Antworten aus dem Gedächtnis, und ist ein mechanischer Vorgang. Es kann vernünftig sein, es kann normal und logisch sein, aber es ist begrenzt. Es ist wie ein elektronischer Computer. Doch kann das Denken nie etwas Neues entdecken. Unser Gehirn hat im Lauf der Jahrhunderte Erfahrungen, Antworten, Erinnerungen erworben und angesammelt; wenn es denkt, ist es daher bedingt und kann nichts Neues herausfinden. Hat das Gehirn jedoch den gesamten Ablauf von Vernunft, Logik, Untersuchung und Denken begriffen – ihn nicht abgelehnt, sondern verstanden – dann wird es ruhig. Dann kann, nicht mit dem Verstande, sondern im Zustand der Stille das Wahre entdeckt werden.

Frage: Man sieht, wie absurd es ist, alles Äußerliche und Innerliche zu verurteilen, aber man hört nie damit auf. Was soll man also tun?

Krishnamurti: Wenn wir sagen: »Ich sehe, dass ich nicht verurteilen darf«, was meinen wir dann mit dem Wort ›sehen‹? Bitte, folgen Sie mir langsam. Ich untersuche das Wort ›sehen‹. Was verstehen wir darunter? Wie sehen wir etwas? Nehmen wir eine Tatsache durch Worte wahr? Wenn ich sage: »Ich sehe, dass Verurteilung absurd ist«, sehe ich es dann wirklich? Oder betrachte ich nur die Worte ›Ich darf nicht verurteilen‹? Die wahre Tatsache, dass Verurteilung irgendwohin führt, sehe ich einfach nicht. Ich weiß nicht, ob ich mich deutlich ausdrücke. Das Wort ›Tür‹ ist doch nicht die Tür, nicht wahr? Das Wort ist nicht das Ding, und wenn wir das Ding mit dem Worte verwechseln, sehen wir es nicht. Sobald wir jedoch das Wort beiseitesetzen, können wir das Ding an sich betrachten. Wenn ich alle stillschweigenden Folgerungen im Katholizismus, Hinduismus oder Kommunismus sehe – nicht allein die Worte – dann habe ich alles begriffen, und es ist für mich zu Ende. Klammere ich mich aber an das Wort, dann wird das Wort zu einem Hindernis, über das ich nicht hinwegsehen kann. Um also wirklich zu sehen, muss das Denken frei vom Worte sein, und muss die Tatsache wahrnehmen. Ich muss es tatsächlich erkennen, dass Verurteilung jeglicher Art mein Denken davon abhält, etwas wahrhaft zu betrachten. Wenn ich meinen Ehrgeiz nur verurteile, kann ich seine Anatomie, sein ganzes Gefüge nicht erkennen. Will das Denken den Ehrgeiz verstehen, so darf keine Verurteilung mehr stattfinden; man muss vielmehr die Tatsache an sich wahrnehmen, ohne ihr Widerstand zu leisten, ohne sie abzuleugnen. Dann wird die Erkenntnis der Tatsache ihre eigene Handlung zeitigen. Wenn ich das gesamte Gefüge des Ehrgeizes tatsächlich sehe, wird die Tatsache an sich meinem Denken die Absurdität, die Gefühllosigkeit und die ungeheuer schädliche Natur des Ehrgeizes offenbaren, und er fällt von mir ab: ich brauche gar nichts mehr dazu zu tun.

Und wenn ich innerlich die volle Bedeutung der Autorität sehe, wenn ich sie studiere, beobachte, in sie eindringe, ohne sie zu verleugnen oder hinzunehmen, sondern sie lediglich erkenne, dann fällt sie von mir ab.